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TV-Kritik: "Ein Kind wird gesucht": Der Fall Mirco

Diese hochkarätig besetzte Mörderjagd war real: Die Suche nach dem zehnjährigen Mirco dauerte über 140 Tage und führte zur Verhaftung eines pädophilen Kindermörders.
Die Polizei hat die Hoffnung, dass ein Aufruf der verzweifelten Eltern Reinhard (Johann von Bülow) und Sandra Schlitter (Silke Bodenbender) den Täter aus der Reserve locken kann. Bildrechte: © ZDF/Kerstin Steller Foto: (ZDF) Die Polizei hat die Hoffnung, dass ein Aufruf der verzweifelten Eltern Reinhard (Johann von Bülow) und Sandra Schlitter (Silke Bodenbender) den Täter aus der Reserve locken kann. Bildrechte: © ZDF/Kerstin Steller

Das Verschwinden des zehnjährigen Mirco Schlitter bewegte Ende des Jahres 2010 ganz Deutschland, die Suche nach dem vermissten Kind gehört zu den aufwändigsten Ermittlungen  der deutschen Kriminalgeschichte. 80 Beamte umfasste allein die zuständige "Sonderkommission Mirco", über 1000 weitere Beamte waren parallel dazu im Einsatz. Selbst Tornado-Jets der Bundeswehr mit speziellen Wärmebildkameras kamen zum Einsatz. Es dauerte über 140 Tage, bis die Ermittler den Tätergefasst hatten, der die Fahnder anschließend zu der Leiche des Jungen führte.

Daraus einen Kriminalfilm zu machen, ist keine leichte Sache. Vereinzelt wurden schon Episoden aus Krimi-Reihen nach echten Mordfällen gestaltet, so die "München Mord"-Episode "Wo bist Du, Feigling" und der "Tatort"-Krimi "Die Wahrheit" nach dem bis heute ungeklärten Isar-Mord von 2013. Aber "Ein Kind wird gesucht" ist anders, obwohl mit Heino Ferch ein nicht zuletzt durch viele Krimi-Rollen bekannter Schauspieler die Hauptrolle spielt.

Krimi nach realem Vorbild

Ferch tritt hier als Hauptkommissar Ingo Thiel vor die Kamera, der auch in Wirklichkeit die Ermittlungen leitete.  Auch die anderen beteiligten an dem Mordfall werden unter ihren Klarnamen gespielt, mit prominenter Besetzung: Silke Bodenbender als Mircos Mutter Sandra und Johann von Bülow als dessen Vater Reinhard Schlitter. Mircos Familie zeigt sich von einer freikirchlich-protestantischen Gemeinde beeinflusst.

Gebet und Glaube spielen aber nur eine verhältnismäßig geringe Rolle, obwohl gerade Reinhard Schlitter dabei auch Zweifel am Sinn der familiären Religiosität äußern darf. Im Mittelpunkt stehen die polizeilichen Ermittlungen. Regisseur Urs Egger gelingt dabei ein Kunststück: Obwohl er auf jede Dramatisierung verzichtet, sondern die Polizeiarbeit wie in einem Doku-Drama einfach nur mit vielen Details schildert und jeder Zuschauer den Ausgang der Geschichte kennen dürfte, fesselt "Ein Kind wird gesucht" mit jeder Minute stärker.

Ein besonders wichtiger Helfer

Es sind die Interaktionen der Polizisten, die hier den Zuschauer stärker als in vielen richtigen Kriminalfilmen in die Handlung miteinbeziehen. Thiel wirft einen Mitarbeiter aus der Ermittlergruppe, weil dieser den ihm persönlich bekannten Schlitter unerlaubt über den Zwischenstand der Fahndung aufklärt. Aber genau dieser Mitarbeiter arbeitet, ohne dass Thiel dies lange Zeit bemerkt, heimlich weiter mit – und entwickelt sogar ein Computerprogramm, das den wahren Täter schließlich aufdeckt.

Der enorme Aufwand bei der Suche nach Mirco und einem Täter lief immer wieder ins Leere. Mit der Besessenheit, mit der Thiel die Jagd betrieb, machte er sich deswegen nicht nur Freunde. Die Gefühle der Fahnder, ihre zunehmenden Frustrationen werden geradezu greifbar, wenn sie den 5000. Hinweis feiern oder Bierflaschen öffnen, als sie den Täter endlich gefunden haben. Eine besonders anrührende Szene gelingt Urs Egger, wenn Mircos Familie den Fahndern mit Geschenken ein wenig Weihnachtsstimmung verschaffen will. Obwohl damals im Grund allen schon klar war, dass sie das Kind nicht mehr lebendig zurückbekommen würden.

Auch Ferch zeigt Gefühl

Besonders Heino Ferch zeigt hier schauspielerisch eine echte Glanzleistung: Sonst eher auf die Rolle des Unnahbaren und Coolen festgelegt, die er zu Beginn der Fahndung mit Lederjacke und Sonnenbrille auch wieder verkörpert, darf er im Handlungsverlauf auch einmal zeigen, wie nahe ihm die Suche nach dem Kind und das Leid der Eltern geht. Besonders der Moment mit der Ansprache der Eltern im Fernsehen ragt dabei heraus.

Urs Egger lässt Heino Ferch zwischendrin auch mal ein wenig ausrasten und schafft es, dass sich der Zuschauer durchgehend wie die Fliege an der Wand im echten Geschehen fühlt, während Polizisten einen Mörder jagen. Erstaunlich, wie perfekt sein Konzept aufgeht, und das im Grunde mit nichts anderem als blanker Nüchternheit.

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