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TV-Kritik: "Ein Teil von uns": Die schreckliche Entscheidung

Eine verzweifelte Tochter will ihrer verkommenen und trunksüchtigen Mutter helfen: Dieser Film beschönigt nichts.
Nadja (Brigitte Hobmeier) und Micki (Volker Bruch) holen ihre Mutter Irene (Jutta Hoffmann) ab und bringen sie zurück in das Heim. Foto: BR/Bernd Schuller Nadja (Brigitte Hobmeier) und Micki (Volker Bruch) holen ihre Mutter Irene (Jutta Hoffmann) ab und bringen sie zurück in das Heim.
Wenn die eigene Mutter nicht mehr peinlich ist, weil dieser Begriff nur einen schwachen Eindruck von dem vermittelt, was sie für ihre Tochter Nadja (Brigitte Hobmeier) bedeutet: deren Mutter Wanda (Jutta Hoffmann) ist wie eine schwärende, eiternde und stinkende Wunde in ihrem Leben. Eine trunksüchtige, völlig verkommene und vulgär pöbelnde Alte, die auf der Straße lebt. Wo sie den Schnaps in sich hineinschüttet und sich anschließend übergibt. Als Wanda zu Beginn des Films auf der Hochzeit ihres Sohnes Micki (Volker Bruch) auftaucht, ergreift der Mann, neben den sie sich setzt, die Flucht. Der Geruch der alten Frau ist nicht auszuhalten. 

Ein Arzt, der sich Tage später um ihre offenen Beine kümmert, muss sie regelrecht beschwören, mehr auf ihre Hygiene zu achten. Aber sie ist Nadjas Mutter, und die Tochter fühlt sich für ihre Mutter verantwortlich. Eine seit ihrer Kindheit vertraute Prozedur, als sie die hübsche, fröhliche, aber hilflos betrunkene Mutter mühsam dazu bewegen musste, wieder aufzustehen. Aber wie will sie einer Frau helfen, die sich einfach nicht helfen lässt? Die psychisch Kranke hat bereits ihr Zimmer verloren. Sie gilt nicht als wohnfähig. Micki will sich nicht mit seiner Mutter belasten.

Das hautnahe Elend

Und Wandas Ex-Mann hat sich erfolgreich darum bemüht, seine Frau von seinem Leben fernzuhalten, in dem er mit neuer Partnerin im schönen Vorstadt-Bungalow lebt. Aber Wanda versteht sich auch aufs Weinen und Erpressen: „Ich bring mich um, wenn du mich hierlässt“ flüstert sie, als Nadja sie zu einer Unterkunft bringt. Nein, diese Mutter hat nichts mehr gemein mit jener obdachlosen Hanna Berger, die von Christiane Hörbiger in dem TV-Drama "Auf der Straße" gespielt wurde. Die versuchte immer noch, den Schein zu wahren, kämpfte um ihren letzten Rest Würde.

Den Film in der ARD-Mediathek anschauen
 
Den hat Wanda längst verloren. Und der von Henry Hübchen verkörperte Obdachlose in "Besuch für Emma" wirkt im Vergleich zu Emma wie ein Millionär. Wohl nur selten zeigt ein Fernsehfilm Verelendung und Obdachlosigkeit so hautnah und in so drastischen Bildern. Sie gehen unter die Haut und bisweilen auch an die Magennerven. Aber sie illustrieren auch die Hilflosigkeit der Tochter, die wegen ihrer Mutter schon einmal ihre Arbeit verloren hat. Die Entscheidung, vor der sie steht, ist entsetzlich, aber Nadja muss sie treffen: Die Bindung an ihre Mutter kappen oder sich von ihr das eigene Leben kaputtmachen zu lassen.

Der Mut zum Ekel

Eine andere Wahl hat sie nicht. Brigitte Hobmeier zeigt den verzweifelten Kampf der Tochter um ihre Mutter und Nadjas Gewissensqualen dabei mit brennender Eindringlichkeit. Überhaupt erreicht der Streifen durch zwei tolle Schauspielerinnen ein bemerkenswertes Niveau: Wanda dürfte in ihrer Verkommenheit selbst unter Obdachlosen einen Sonderfall darstellen, aber Jutta Hoffmann nimmt man die Rolle problemlos ab. So viel Mut zum Hässlichen, so viel Kraft zum Ekelhaften muss man erst mal aufbringen.
 
So wie auch die Macher des Films Mut aufgebracht haben: Einerseits den Blick nicht abzuwenden, andererseits Wanda aber auch die Verantwortung für ihre Situation letztlich nicht abzunehmen. Und vor allem keine Patentlösung anzubieten. Das hätte den knallharten Realismus dieses Films ins Gegenteil verkehrt.
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