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TV-Kritik: "Ein halbes Leben": Es gibt kein Entkommen

Von Ein Mörder und die Eltern des Opfers werden zerfressen von den Folgen der Tat: Dieses preisgekrönte Drama geht unter die Haut!
Ulrich Lenz (Josef Hader) hat vor Jahren eine Frau vergewaltigt und ermordet. Er ahnt, dass er bald gefasst wird. Was passiert dann mit seiner Tochter (Anna Yntema)? Foto: ORF/Allegro-Film/Petro Domenigg Ulrich Lenz (Josef Hader) hat vor Jahren eine Frau vergewaltigt und ermordet. Er ahnt, dass er bald gefasst wird. Was passiert dann mit seiner Tochter (Anna Yntema)?
Der Wiener U-Bahnfahrer Ulrich Lenz lebt mit seiner Tochter Kiki in einer kleinen Wohnung. Für das Kind sorgt er rührend, nachdem die leichtlebige Mutter des Mädchens ihn längst verlassen hat. Auch eine Ehe mit ihm wollte die Freundin nicht eingehen. Früher hatte Lenz eine Lebensgefährtin, die ihn trotz seiner Vergangenheit heiraten wollte: Lenz wurde einst wegen Vergewaltigung verurteilt. Aber sie verließ ihn, als er ihr einen noch viel dunkleren Vorgang in seinem Leben beichtete: Ulrich Lenz hatte im Jahr 1986 nach seiner Verurteilung und Haftstrafe noch eine weitere junge Frau vergewaltigt - und anschließend ermordet.
 
Und er wurde niemals für diese Tat gefasst. "Ein halbes Leben" heißt das Drama aus Österreich. Josef Hader, einer der populärsten Kabarettisten des Landes, macht aus Ulrich Lenz ein beeindruckendes Portrait eines gleichermaßen von Angst und Gewissensbissen getriebenen Verbrechers. Seine Gegenspieler sind nicht nur die Polizei, sondern auch Peter Grabowski (Matthias Habich), der Vater seines Opfers. Auch er findet nach der Tat keine Ruhe mehr. Nicht nur ein riesiges Bild der ermordeten Tochter erinnert ihn und seine Frau ständig an ihr Kind.
 
Im Schatten der Schuld
 
Über viele Jahre hinweg illustriert der Film die Entwicklung der beiden Männer. Immer wieder wird Lenz sein scheußliches Verbrechen bewusst. Am intensivsten geht der Film unter die Haut, wenn er zeigt, wie Lenz seiner Vergangenheit durch Flucht in eine solide bürgerliche Existenz entkommen will, die er sich jedoch durch seine Tat selbst verbaut hat. Seine schwangere Lebensgefährtin will noch im neunten Monat ausgehen und "abtanzen, bevor der ganze Stress losgeht". Später bleibt sie nachts lange weg und kommt erst um vier Uhr morgens heim, angeblich wegen einer Freundin. Dass sie nicht bei ihm bleibt, bei ihm, der ihr das Kind "angehängt" hat, ist da schon absehbar.
 
Der Zuschauer ahnt hier: Die Freundin, die ihn heiraten wollte und ihn seiner Tat wegen verließ, hätte so etwas nie getan.
Grabowski setzt seine Hoffnung auf die neue Technik zur Entschlüsselung der DNA. Noch sind die Methoden unzureichend, doch sie werden immer ausgefeilter. Hier leidet unnötigerweise die Glaubwürdigkeit der Filmhandlung: Grabowski steht in freundschaftlicher Verbindung mit dem Polizisten Max Hauer. Hauer informiert ihn über einen neuen DNA-Test, bei dem im Falle eines Fehlschlags aber das verfügbare Zellmaterial unbrauchbar würde. Der Test wird dennoch durchgeführt, weil Grabowski sein Einverständnis dafür gibt.
 
Am Ende enttarnt
 
Eine solcher Vorgang ist in der Realität undenkbar und im Handlungsverlauf überflüssig, weil sich am Ende plötzlich heraus, das doch noch genügend Material für einen DNA-Test vorhanden ist. Dennoch blieb der Film bis zum Schluss spannend, wozu auch die nüchterne Inszenierung beiträgt. Immer wieder sieht man Lenz in klaustrophobisch anmutender Umgebung, kahlen kleinen Wohnungen, Treppenhäusern oder einer amtlichen Arztpraxis, als ihm letztendlich doch noch die Speichelprobe zu seiner Überführung entnommen wird.
 
Schon zu Beginn der Geschichte stellt er sich der Mutter seines Opfers in den Weg, starrt die Frau an, will reden, sagt aber nichts - bis die Frau verständnislos an ihm vorübergeht. Am Ende begegnen sich der Mörder und der Vater des Opfers. Schauspieler Matthias Habich hat seinen Glanzmoment, als sein Grabowski erkennt, dass die Reue und Sühnebereitschaft des Täters nach all dem unbändigen Hass der langen Jahre seit der Ermordung seiner Tochter ihm auch einen Großteil seiner Kraft geraubt hat.
 
Der Film endet mit einem Zeichen der Hoffnung, zumindest für die Eheleute Grabowski: Sie haben sich mit der Tochter von Lenz angefreundet. "Ein halbes Leben" ist eindringlicher und berührender Film, der seine Zuschauer ganz ohne Action über seine ganze Laufzeit hin fesselt. Er erhielt einen Adolf-Grimme-Preis in der Kategorie "Fiktion" und einen Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Regie" Beide Auszeichnungen waren trotz Glaubwürdigkeitsmängel im Drehbuch hochverdient.
 
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