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"Ein perfektes Leben": Biedere Tragödie

Die Geschichte hinter diesem Film ist grotesk unglaubwürdig - aber wahr. Die filmische Umsetzung enttäuscht jedoch.
Der angebliche Top-Arzt Jean-Marc (Daniel Auteuil) belügt nicht nur seine Frau Christine (Géraldine Pailhas) schon seit vielen Jahren. Foto: (ARTE France) Der angebliche Top-Arzt Jean-Marc (Daniel Auteuil) belügt nicht nur seine Frau Christine (Géraldine Pailhas) schon seit vielen Jahren.
Es ist eine grausige und ungeheuer beklemmende Geschichte. Eine Story, die eigentlich niemand glauben würde - aber sie ist wahr. Jean-Claude Romand hatte seine Frau, seine Eltern und seine Freunde fast zwanzig Jahre lang an der Nase herumgeführt. Sie glaubten allesamt, er wäre ein erfolgreicher Arzt und Forscher für Arteriosklerose für die Weltgesundheitsorganisation WHO. Er hatte jedoch in Wirklichkeit eine Prüfung nicht bestanden und darum auch niemals einen Abschluss seines Medizinstudiums geschafft.
 
Statt zu arbeiten, verbrachte er seine Tage mit Wandern, Schlafen und dem Studium öffentlich zugänglicher Informationen der WHO oder medizinischer Fachzeitschriften. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Geld seiner Frau und von Verwandten und Freunden, deren Geld er angeblich verwaltete, in Wahrheit jedoch unterschlug: Er hatte ihnen lukrative Anlagen mit hohen Zinserträgen vorgeschwindelt. So auch eine ehemalige Geliebte, die ihm 900.000 Francs anvertraut hatte.
 

Am Ende stand der Amoklauf

 
Im Winter 1992/93 drohte sein Doppelleben aufzufliegen. Darauf tötete er im Januar 1993 seine Frau und die beiden Kinder und am Tag danach seine Eltern. Seine Ex-Geliebte versuchte er zu erdrosseln, ließ dann aber von seinem Vorhaben ab und fuhr die Frau wieder heim. Anschließend vergoss er in seinem Haus Benzin, zündete es an und schluckte eine Überdosis Schlafmittel. Die Tabletten waren abgelaufen, was ihm bei seiner medizinischen Vorbildung bekannt war. Es bestehen darum Zweifel, dass er sich ernsthaft töten wollte.
 
Im Film heißt er Jean-Marc Faure. Der Schauspieler Daniel Auteuil verkörpert ihn und sein Unbehagen ist ihm schnell anzumerken. Wobei schon sein äußeres Auftreten nicht wirklich zu einem Arzt der WHO passen will. Er steuert einen alten und verbeulten Renault, seine Familie lebt in einer engen Wohnung. Es gibt auch andere Behausungen, großzügig geschnitten, überaus gediegen eingerichtet, aber sie gehören nicht ihm, sondern seinen Freunden. Von denen kennen ihn viele schon seit seinem Studium.
 

Vom Lügen erschöpft

 
Immer wieder lässt Autieul Details in seine Darstellung einfließen, die Faures erfolgreiches Berufsleben als gigantisches und überaus kraftraubendes Täuschungsmanöver entlarven. Seine gesenkte Körperhaltung und sein flackernder Blick zeigen ihn als Lügner. Nicht nur, wenn er bei seinen Eltern auf einem Bett im Anzug tief einschläft, kann man sich vorstellen, was für ein gigantischer Kraftakt dieses Leben gewesen sein muss. Ein Stoff, der im Grunde wie geschaffen für den französischen Filmemacher Claude Chabrol.
 
Dessen Charaktere waren unter ihrer gediegen bürgerlichen Fassade ebenfalls oft Getriebene, Mörder und Verzweifelte wie in "Die Fantome des Hutmachers". Allerdings will hier in "Ein perfektes Leben" das erzählerische Konzept des Films nicht wirklich aufgehen. Nicole Garcia (Regie) und Emmanuel Carrère (Drehbuch) wechseln immer wieder von der linearen Erzählung des Geschehens hin zu Momenten nach der Katastrophe, die Faure/Romand über seine Familie brachte.
 
Da stellt dann ein Polizist eindringliche Fragen über mögliche Anzeichen und Auffälligkeiten, aber die Doppelbödigkeit dieser Scheinexistenz kommt nicht wirklich zur Geltung. Sie erschöpft sich im Verbalen, statt in überzeugender Weise filmisch umgesetzt zu werden. Erst mit den ersten Ahnungen von Faures Frau kommt so etwas wie Spannung auf. Bis dahin zeigen sich auch Regie und Kamera eher bieder. Trotz ansprechender schauspielerischer Leistungen zeigt sich: Auch ein Ereignis dieser Art ergibt nicht automatisch einen guten Film.
 


 
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