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TV-Kritik: "Ende einer Legende": Innenansichten eines freien Falls

Von Ein beliebter ältlicher Komiker gerät ins Zwielicht, als er mehrfach der Vergewaltigung beschuldigt wird. Die britische Miniserie entpuppt sich als beklemmend intensiver Thriller.
Paul Finchley (Robbie Coltrane) muss sich zu den Anschuldigungen äußern. Foto: (ARTE France) Paul Finchley (Robbie Coltrane) muss sich zu den Anschuldigungen äußern.

"Die denken, ich wäre der verfickte Jimmy Saville!" Ein drohender Zoom auf die Haustür nach zweimaligem Läuten leitet den Moment ein, als Paul Finchley (Robbie Coltrane) sein Leben und seine Familie zerbrechen sieht: Vor der Tür steht eine Polizistin, die ihn mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Frau vergewaltigt zu haben. Bis dahin war der alternde und übergewichtige Komiker ein beliebter Star, ein nationales Idol. "National Treasure" heißt die Mini-Serie aus England im Original.

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Jetzt der große Fall des Publikumslieblings: Es melden sich bald noch mehr Frauen, die von Finchley missbraucht worden sein wollen. Seine Frau Marie (Julie Walters) weiß, dass ihr Mann kein Kind von Traurigkeit war, wenn es um Affären mit anderen Frauen ging. Sie hat ihm immer wieder vergeben. Aber Vergewaltigung? Noch will sie an ihn glauben. Sein Sender setzt ihn auf Zwangsurlaub, was seine Position weiterhin ins Wanken bringt.

Die Katastrophe der Tochter

Besonders auf Finchleys labile Tochter Dee (Andrea Riseborough) haben die Anschuldigungen gegen ihren Vater verheerende Auswirkungen. Sie beginnt an ihren eigenen Erinnerungen zu zweifeln. Wurde auch sie von ihrem Vater missbraucht? Als sie mit dem Auto ins Haus ihrer ehemaligen Babysitterin rast, die ihren Vater ebenfalls beschuldigt, entwickelt sich das Kesseltreiben gegen Paul Finchley zur handfesten Katastrophe.

Die Miniserie entstand bereits im Jahr 2016 und damit vor der #MeToo-Debatte. Es gibt darin mehrfach  Anspielungen auf Jimmy Saville, aber mittlerweile hat sich die Anzahl  der Showgrößen, denen man sexuellen Missbrauch nachsagt, explosionsartig vermehrt. Sie reichen  von Weinstein, mit dem alles begann,  zu Wedel, von Schauspieler  Kevin Spacey bis jüngst zu Stardirigent James Levine.

"Ende einer Legende" zeigt den Fall eines öffentlichen Idols in Nahaufnahme und aus der Perspektive des Betroffenen und seiner Familie, aus der Innenansicht also. Jack Thorne (Drehbuch) und Regisseur Marc Munden haben sich dafür Szenen einfallen lassen, die beklemmend beiläufig den Verlauf der Dinge illustrieren: so etwa die Sicherungsknöpfe im Polizeiwagen, die sich absenken, nachdem er darin Platz genommen hat.

Von der schlossartigen Villa in die schmierige Zelle

Aus dem Leben eines wohlhabenden Erfolgsmenschen im großen Haus mit akkurat gestutztem Rasen und üppigen Sträuchern in eine Zelle, in der Wasser von der Decke tropft und eine kleine Spinne ihr Netz spinnt.  So sieht es aus, wenn eine Welt zerbricht. Und die angstvolle Frage für die Angehörigen: Ist etwas Wahres an den Anschuldigungen oder handelt es sich bei den Anklägerinnen nur um vermeintliche Opfer, denen es um Ruhm und Geld geht?

Besonders durch Fichleys Tochter Dee, herausragend gespielt von Andrea Riseborough, kommt ein hoher Spannungsfaktor in die Geschichte. Versucht sie, ihren Vater ebenfalls des sexuellen Übergriffs zu beschuldigen, um sich aus der Verantwortung dafür zu stehlen, dass sie ihr Leben weitgehend verpfuscht hat? "Ich erlaube dir nicht, dass du Paul als Ausrede für ein schlecht geführtes Leben benutzt!" herrscht ihre Mutter sie an.

Es sind solche Sätze, die aus der Miniserie einen echten Volltreffer machen. "Ende einer Legende" fesselt mit jeder Minute stärker. Die Geschichte kostet die Verwicklungen aus Sex, Abhängigkeiten und gegenseitigen Deckungen bis ins Letzte aus. Robbie Coltrane wurde zu Recht für den British Academy Television Award nominiert.

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