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TV-Kritik: "Es lebe der Tod": Der sanfte Sensenmann

Von Experiment gelungen: Warum der "Tatort" aus Wiesbaden trotz schwacher Logik und irrealer Handlung diesmal wirklich gut ist.
Isabell (Franziska Junge). Der Mörder tötet immer auf die gleiche Weise: Die Opfer sterben mit aufgeschnittenen Handgelenken in der Badewanne. Foto: (HR/Pressestelle) Isabell (Franziska Junge). Der Mörder tötet immer auf die gleiche Weise: Die Opfer sterben mit aufgeschnittenen Handgelenken in der Badewanne.
Um was soll es in diesem "Tatort" gehen? Um Felix Murot, einen Mörder, der eigenen Angaben zufolge Lebensmüden auch gegen deren Willen aus dem Leben hilft, um Murots Depressionen, den Selbstmord seines Vaters  und irgendwie auch um den Sinn von Tod und Leben an sich. Der Krimi-affine Zuschauer fühlt große Bedenken in sich aufsteigen. Zu präsent sind noch die vorangegangenen Wiesbadener "Tatort"-Episoden. Kunst-Kino, Experimentalfilme im Krimi-Gewand für den, der so was mag – der Durchschnittzuschauer eher nicht. Wer einen richtigen Krimi sehen wollte, war bei Murots Kollegen besser aufgehoben. Meistens jedenfalls.
 
Dennoch, in den ersten zwanzig Minuten kommt der "Tatort" durchaus ganz Krimi-mäßig daher. Ein Serienmörder lässt seine Opfer in der Badewanne mit aufgeschnittenen Pulsadern verbluten. Nun hat er zum ersten Mal auch einem Opfer die Kehle durchgeschnitten. Murot war schon immer ein komischer Vogel, und er ist sich treu geblieben: Schwänzt die Geburtstagsfeier, die seine Kollegen ihm bereiten, und stopft lieber an einer Imbissbude eine Knackwurst in sich hinein. Aber dann bekommt Murot einen unheimlichen Anruf, der gesuchte Mörder nimmt Kontakt zu ihm auf – und in einem wahren Bravourstück löst sich die Geschichte nach ungefähr zwanzig Minuten auf.
 
Irreal fesselnd
 
Hier könnte der Film theoretisch zu Ende sein und wäre damit der kürzeste und dichteste "Tatort" aller Zeiten. Allerdings wartet auf Murot noch eine ganz besondere Aufgabe: Der gefasste Mörder Arthur Steinmetz (Jens Harzer) weiß enorm viel über Murot. Er hat seine Opfer alle über lange Zeit studiert, auch den grüblerischen, zermürbten und depressiven Einzelgänger Murot. Und er stellt, obwohl selbst schon vom Tod gezeichnet, Murot eine Falle. Und dabei geschieht etwas Erstaunliches: Zwar kommt das alles so logikschwach und irreal rüber, dass sich die Spannung schon darum in Grenzen halten sollte.
 
Gegen Ende schrammt der Film sogar wieder einmal an der Selbstparodie entlang – nichts Neues beim Wiesbadener "Tatort". Und dennoch fesselt der Film, wenn man geneigt ist, sich auf ihn einzulassen, bis zur letzten Minute. Das liegt vor allem an der ruhigen und konzentrierten Erzählweise. Regisseur Sebastian Marka erzeugt in langen Einstellungen zu sanfter Musik nämlich eine Fülle gespenstisch schöner Bilder, die an die Stimmung – nicht an die Motive – der Gemälde von Arnold Böcklin ("Die Toteninsel") und ähnlicher Werke erinnern.
 
Wunderbar gefilmt
 
Wohl selten zeigt sich ein "Tatort" so erlesen gefilmt wie hier von Armin Alker.  Es ist denn auch weniger die Handlung an sich, die hier fasziniert: Es ist vor allem der überaus souveräne Einsatz filmischer Mittel. Dazu gehört auch die Art und Weise, wie Marka Ulrich Tukur als Murot in Szene setzt. Tukur wirkt an sich gar nicht verzweifelt und depressiv. Aber wenn man ihn im Bett liegen sieht, am Bildrand mit einem leeren Glas und überquellendem Aschenbecher auf dem Nachttisch, sieht das schon ganz anders aus.
 
Jens Harzes Schauspiel ergänzt die Regie perfekt: Er gibt den einfühlsamen Sensenmann mit wirkungsvoller Unauffälligkeit. Am Ende kommt ein Krimi dabei heraus, wie er so stimmungsvoll wohl selten zu sehen ist. "Es lebe der Tod" passt zum Spätherbst wie ein Waldspaziergang bei grauem Himmel. Wiesbaden hat experimentiert, ja, aber diesmal ist das Experiment wirklich gelungen.

Den ganzen Tatort gibt es hier
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