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TV-Kritik: "Exit Marrakech": Gab es ein TV-Remake?

Von Absicht oder Zufall? Erstaunlich viele Motive dieses Kino-Werks finden sich in einem später ebenfalls mit Ulrich Tukur gedrehten TV-Film.
Sie sind einander fremd: Heinrich (Ulrich Tukur, li.) überlegt, was er bei seinem Sohn Ben (Samuel Schneider) alles falsch gemacht hat. Foto: ARD Degeto/Desert Flower Filmproduktion Sie sind einander fremd: Heinrich (Ulrich Tukur, li.) überlegt, was er bei seinem Sohn Ben (Samuel Schneider) alles falsch gemacht hat.
Wie sehr sich die Szenerien doch gleichen: Da reist jemand auf der Suche nach seinem Vater, mit dem er in den letzten Jahren nur wenig /gar keinen Kontakt hatte, in die exotische Ferne – hier Marokko, dort Thailand. Er begegnet einer Prostituierten, durch die er von der lärmenden Großstadt – hier Marrakech, dort Pattaya – ins dörfliche Hinterland gelangt. Aber eigentlich dient das Ganze nur der neuen Begegnung zwischen Vater und Sohn. Und in beiden Filmen spielt Ulrich Tukur mit, im ersten Film als Vater mit Namen Heinrich, im zweiten Film sowohl als Vater wie auch als Sohn. Im ersten Film als markante Nebenrolle - Hauptcharakter ist Heinrichs Sohn Ben (Samuel Schneider) - im zweiten Film als Hauptdarsteller. 
 
In beiden Filmen begegnet der Reisende zudem einer Halbschwester. Der erste Film heißt "Exit Marrakech" und ist ein Kinofilm aus dem Jahr 2013. Der zweite Film trägt den Titel „Herr Lenz reist in den Frühling“ und entstand zwei Jahre später als TV-Produktion.  Der zweite Film bringt nicht nur zwei, sondern gar drei Generationen mit und doppelt damit quasi das Vater-Sohn-Begegnungsmotiv als "Exit Marrakech". Doch trotz der auffallenden Parallelen gibt es auch Unterschiede. In "„Exit Marrakech" spielt Literatur eine bedeutende Rolle. Zu Beginn ist Ben noch Internatsschüler.

Immer wieder Literatur

Ben ist ein Heranwachsender, an dem, so scheint es, der Schuldirektor die Vaterrolle ausfüllt. Er gibt ihm ein Zitat von Leo Tolstoi zum Nachdenken,  ermuntert ihn zu schreiben und was aus seiner bevorstehenden Reise zu seinem Vater nach Marokko zu machen. Ziemlich literarisch geht es auch weiter. Der Vater Heinrich ist ein gefeierter Regisseur, der in Marokko eine Bühnenversion von Lessings Bühnenstück "Emilia Galotti" inszeniert. Sinnigerweise ein Stück, an dessen Ende es auch um eine Art Ehrenmord geht.

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Der Vater holt seinen Sohn nicht selbst vom Flughafen ab, sondern schickt eine dicke Limousine. Vater und Sohn können natürlich gar nicht miteinander. Der Vater hat wenig Interesse an der flimmernd exotischen Umgebung, sondern zieht sich lieber zur Lektüre von Paul Bowles an den Swimming Pool des Hotels zurück. Ausgerechnet Paul Bowles, der Intellektuelle, Verkopfte. Man kann sich nicht vorstellen, dass Heinrich etwas von dem Beatnik William S. Burroughs in die Hand nehmen würde, der sich ebenfalls in Marokko aufhielt und nicht nur darüber viel sinnlicher, knalliger und unmittelbarer schrieb.

Kein Interesse an weiblicher Nebenfigur

Kein Wunder, dass es den Sohn nach draußen treibt, in die Menge, ins Gewühl, dorthin, wo das richtige Leben stattfindet. Dort macht er die Bekanntschaft der Prostituierten Karima (Hafsia Herzi), die ihn in ihr Heimatdorf mitnimmt. Recht bald, und das ist eine große Schwachstelle in dem Film,  verliert aber die Geschichte wieder das Interesse an ihr. Dafür erscheint Vater Heinrich im Geländewagen von Mitsubishi, um seinen Sohn zurückzuholen. Und dann, endlich, kommt der Film auch auf sein eigentliches Thema zu sprechen.
 
Sonderlich viel Neues kommt dabei aber nicht heraus. Nicht nur in ihrer Handlung und ihren Charakteren, auch in ihren Stärken und Schwächen gleichen sich "Exit Marrakech" und "Herr Lenz reist in den Frühling" frappierend. Zwar gute Schauspieler und Kamera, aber auch eine in die Länge gezogene und letztlich banale Handlung, die nur in einigen Gesprächsfetzen eine gewisse Doppelbödigkeit und Tiefe erahnen lässt: Sonderlich zu fesseln vermag das nicht.
 
Und fällt Vater und Sohn auf einem Trip durch die Wüste wirklich nichts Besseres als Kiffen ein, um einander näher zu kommen? Erwartet hätte man sich schon deutlich mehr von diesem bisher letzten Werk von Caroline Link. Die Themen Exotik, Erwachsenwerden, Generationskonflikt, Abenteuer und Reisefilm versprechen viel, halten aber nur wenig.

 
 
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