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TV-Kritik: "Freitod": Bisher der Beste der Saison

Von Überraschend gut in Form: Die Schweizer haben einen sehenswerten Beitrag zu einem kontroversen Thema abgeliefert.
Martin Aichinger (Martin Butzke) greift die Sterbehelfer massiv an. Im Hintergrund der Leiter der Pro Vita-Organisation Josef Thommen (Martin Rapold, li.). Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler Martin Aichinger (Martin Butzke) greift die Sterbehelfer massiv an. Im Hintergrund der Leiter der Pro Vita-Organisation Josef Thommen (Martin Rapold, li.).
Dieser Titel lässt aufhorchen. Freitod? Selbstmord ist im "Tatort " ein immer aufs Neue wiederkehrendes Motiv, und das nicht nur im überragenden Schweizer Beitrag "Ihr werdet gerichtet", mit dem die letztjährige Krimi-Saison begann. Aber der Titel sagt schon aus, um was es in diesem Film geht: Um begleitetes Sterben und Sterbehilfe, in der Schweiz legal und heftig diskutiert. Der Anfang schon zeigt fast dokumentarisch, wie das Todeszimmer für die schwerkranke Gisela Aichinger (Barbara Magdalena Ahren) hergerichtet wird. Blumen und Kerzen sorgen für ein fast heimeliges Ambiente, während eine tödliche Dosis Gift gereicht wird.
 
Kurz nachdem die Leiche Gisela Aichingers abtransportiert wird, taucht Martin (Martin Butz) auf, der psychisch labile Sohn der Toten. Er schreit und tobt, beschuldigt seine Schwester, die den Todeswunsch der Mutter unterstützte, nur am Erbe interessiert zu sein, und wünscht den Sterbehelfern Pest und die Plagen Ägyptens. Auch "Pro Vita", eine religiös motivierte Lebensschutz-Organisation unter Führung von Josef Thommen (Martin Rapold) protestiert gegen die Sterbehilfe. Das Haus, in dem die Sterbehelfer von "Transitus" ihrer makabren Arbeit nachgehen, steht längst leer. Niemand will in einem Haus wohnen, in dem ständig Menschen in den Freitod gehen.
 

Breite Diskussionen ohne eindeutige Position

 
Nur der schwer nierenkranke Mike Zumbrunn (Lukas Kubik) wohnt als Einziger noch dort. Kurz nach dem Tod von Gisela Aichinger wird die Sterbebegleiterin Helen Mathys (Ruth Schwegler) ermordet. Wer könnte sie niedergeschlagen und dann erstickt haben? Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) verdächtigen in erster Linie den unbeherrschten Martin Aichinger, aber auch "Transitus"-Gründer Dr. Hermann (Andreas Matti), der einst mit der Ermordeten zusammen war und von ihr verlassen wurde, könnte ein Motiv haben. Oder der allzu souveräne Thommen. Oder auch Zumbrunn.
 
Der Film nähert sich seinem heiklen Thema quasi auf Zehenspitzen, wie schon der vorsichtige und in betont blassen Farben gehaltene Beginn deutlich zeigt. Die Debatte um Sterbehilfe nimmt denn auch breiten Raum ein, Gegner und Befürworter kommen gleichermaßen zu Wort. Was dem ganzen Geschehen mitunter etwas von These - Antithese - Synthese gibt, besonders, wenn ein weiterer am Krebs erkrankter Todeskandidat heftig mit Thommen diskutiert und einige Zeit doch noch Selbstmord begeht. Insgesamt nimmt der Film eine betont neutrale Position zum Thema ein.
 

Auch der Sterbehelfer handelt nicht selbstlos

 
Der ziemlich klischeehaft angelegte Chef der Lebensschützer stellt sich als bigott heraus, aber auch der Chef der Sterbehelfer handelt nicht nur aus Nächstenliebe: Er leistet sich von dem Geld, das er mit seinem Geschäft verdient, eine prächtige Yacht. Es liegt aber an dem emotionalen Thema und den guten Schauspielern, dass der Film dennoch über die ganze Zeit eine ordentliche Grundspannung halten kann. Die gegen Ende dann noch einmal massiv ansteigt, als die hübsche Sterbebegleiterin Nadine Camenisch (Anna Schinz) stärker in den Focus des Geschehens rückt.
 
Ein Todesengel als Sterbehelfer: Diese Auflösung verrät einen überraschend schwarzen Humor angesichts des Themas. Sehr geschickt sorgt das Ende noch einmal für Dramatik, als Camenisch ihren letzten Mord begeht, den auch die Polizisten nicht mehr verhindern können. Es gibt diesmal keine Rettung in letzter Minute. Dafür aber noch einmal eine überraschende Pointe am Schluss. Sie ist das Sahnehäubchen auf einem "Tatort", der seinen Handlungskern sehr ordentlich in eine spannende Geschichte umgesetzt hat. Ganz mit "Ihr werdet gerichtet" mithalten kann "Freitod" zwar nicht, aber in dieser "Tatort"-Saison war er der bisher beste Beitrag.


Den ganzen Tatort gibt es hier
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