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TV-Kritik: "Fürchte dich": Vom „Tatort“, der auszog, das Fürchten zu lehren

Von Ein mutiges Experiment des Hessischen Rundfunks: Der neueste Krimi aus Frankfurt zeigt sich als handfeste Geistergeschichte. Wie es funktioniert:
Otto Schlien (Axel Werner) versucht, sich und das Haus anzuzünden: Mit der alten Villa verbindet ihn eine düstere Geschichte. Foto: (HR/Pressestelle) Otto Schlien (Axel Werner) versucht, sich und das Haus anzuzünden: Mit der alten Villa verbindet ihn eine düstere Geschichte.
Irgendwie hat dieser "Tatort" nicht nur den falschen Sendeplatz, sondern sogar den falschen Sender. Erinnert sich noch jemand an die ZDF-Reihe "Der phantastische Film", immer am Freitagabend? Der mit dem Cartoon-artigen Vorspann und der schrägen Musik dazu, und oft mit Filmen hinterher, wo allein schon die Namen Christopher Lee und Peter Cushing große Erwartungen weckten? Genau da hätte er perfekt hingepasst.
 
Was nicht heißen soll, dass er perfekt ist. Nein, ganz und gar nicht. Aber der Reihe nach: Ein alter Mann (Axel Werner) kommt in einer Gewitternacht in das Haus geschlurft, in dem Fanny (Zazie de Paris) mit Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) lebt. Er gießt Benzin aus und will das Haus in Brand stecken, doch dann wird er wie von einem Seil gezogen auf den Rasen vor dem Haus geschleudert. Brix versucht vergeblich, von dem alten Mann zu erfahren, was er eigentlich in dem Haus wollte.
 

Die Leiche auf dem Dachboden

 
Seine Kollegin Anna Janneke (Margarita Broich) kommt, um Brix zu helfen und sich vor allem um Fanny zu kümmern. Brix entdeckt auf dem Dachboden des Hauses unter den Dielen das Skelett eines Kindes. Der alte Mann – Otto Schlien mit Namen – ist aus einem Heim weggelaufen. Eigentlich hätte er schon längst nicht mehr in der Lage sein sollen,  den Weg vom Heim zu der Villa zu Fuß zurückzulegen.  Weiß Schliens Enkelin Merle (Luise Berfort) mehr darüber?

Tatort verpasst? Hier geht es zur Mediathek
 
Mehr über die Vergangenheit des Hauses erzählen Zeitungsausschnitte und Filmschnipsel, die Fanny aus dem Keller hervorkramt. Sie erzählen von einem bösen Streich mit tödlichen Folgen: Die Villa diente zeitweilig als Heim für Kriegswaisen. Doch durch den Streich kam die Heimleiterin Eleonore (Barbara Sotelsek) ums Leben – sie war Ottos Mutter. Während sich Brix mit Merle auf den Weg macht, mehr über Otto Schliens Vergangenheit zu erfahren, fängt Fanny an, sich höchst seltsam zu benehmen.
 

Versatzstücke des Genres liebevoll zitiert

 
Eins muss man Regisseur Andy Fetscher, der zusammen mit Christian Mackrodt auch das Drehbuch verfasste, ja wirklich lassen: Seine Vorbilder hat er gut studiert. Man merkt deutlich, mit wie viel Begeisterung er sich an den Versatzstücken des Genres bedient, und das steckt an. Wabernde Nebel, sturzbachartiger Regen, knarrende Türen, ausgefeilte Kamera-Perspektiven und die sehr schöne Musik von Steven Schwalbe und Tobias Wagner – eingespielt von HR-Sinfonie-Orchester – machen allein schon den Film zum Vergnügen.
 
Dazu kommt, dass Fetscher bei aller Zitierfreude sich noch Mühe gibt, eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Der tragische Hintergrund der Heimgeschichte aus den fünfziger Jahren beinhaltet Elemente von Trauer und Verlust, von Vertuschen und düsteren Familiengeheimnissen. Wobei Fetscher die Elemente des Films aber an vielen Stellen stimmiger und schlüssiger hätte gestalten können. Das geht schon damit los, dass Brix nicht die Spurensicherung holt, als er das Kinderskelett findet.
 

Oh nein: eine tote Mutter als Horrorfigur?!

 
Im Verlauf der Handlung verliert der Film zudem seinen roten Faden: Der Handlungsschub mit dem Kindesmissbrauch wirkt unausgegoren und aufgesetzt, und auch Merles böser Vater erscheint mehr als Füllmaterial denn als ein notwendiger Bestandteil der Geschichte. Die tragische Note, die sich durch den Tod von Otto Schliens Mutter ergibt, beachtet Fetscher außerdem überhaupt nicht. Dass ausgerechnet eine Mutter, die bei dem Versuch gestorben ist, ihren vermeintlich verunglückten Sohn zu retten, plötzlich als hexenartige Horrorfigur wieder auftaucht, kommt schon sehr befremdlich!
 
Auch das "Exorzist"-Zitat mit Fanny passt nicht wirklich zum Rest des Films. Durch die sehr natürlich agierende Luise Berfort und das hohe Erzähltempo gelingt es Fetscher immerhin, die dramaturgischen Mängel halbwegs zu kaschieren. "Fürchte Dich" zeigt sich insgesamt als ehrenwerter Versuch. Zwar an manchen Stellen unausgegoren und eher absonderlich als wirklich gruselig, so beim Tod einer Frau durch ein Tortenstück oder in der Szene, in der Fanny eine Socke verschlingt. Aber als Experiment dennoch besser gelungen als "HAL" oder "Im Schmerz geboren".

Allerdings sollte ein TV-Kommissar auf keinen Fall eine SMS tippen, wenn er ein Auto lenkt. So etwas kann nämlich Folgen haben, die wirklich schockieren.

 
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