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TV-Kritik: "Gefangen im Glücksrausch": Was Crystal Meth aus Menschen macht

Von Die Sendereihe "37°" stellt hier zwei ehemalige Junkies vor. Marc hat viele Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Aber ohne Gefängnis wäre er schon längst tot.
Crystal Meth - die unterschätzte Droge. Foto: Katja Aischmann Crystal Meth - die unterschätzte Droge.

Sein Aussehen ist harmlos, seine Wirkung erstmal berauschend: Das Crystal Meth genannte Methamphetamin setzt im Körper große Mengen Glückshormone frei. Der Konsument fühlt sich stark, kraftvoll, er platzt vor Selbstvertrauen. Entsprechend hoch zeigt sich aber der Suchtfaktor der Designerdroge, und die Folgen sind verheerend. Marc spricht es aus: "Das, was Heroin in 15 Jahren bei mir nicht geschafft hat, hat Crystal in drei Jahren angerichtet - den totalen körperlichen Verfall."

Die 37°-Sendung porträtiert Marc und Sandra, zwei Menschen, die der Droge über viele Jahre verfallen waren. Mit entsprechenden Folgen: Neben körperlichen und organischen Schäden haben sie wie viele Junkies reichlich Erfahrung mit der Polizei gesammelt. Marc haben seine Abhängigkeiten – neben Crystal Meth konsumierte er auch Marihuana, Kokain und Heroin – rund zwei Jahrzehnte hinter Gittern eingebracht.

Die Flucht vor dem Platzen eines Traums

Jeder Junkie hat sein eigenes Schicksal. Bei Marc war es der Moment, als durch massive Rückenprobleme seine erträumte Karriere als Dressurreiter platzte, der ihn zu Drogen greifen ließ. In der JVA Zeithain im sächsischen Meißen macht er einen Entzug. Im anschließenden offenen Vollzug fährt er, von der ZDF-Kamera begleitet, in die Leipziger Innenstadt. Er muss lernen, sich seiner Vergangenheit zu stellen und die Konfrontation mit seinem körperlichen Verfall und seinen Straftaten auszuhalten.

Eine harte Bewährungsprobe. Zu seinen schlimmsten Zeiten benötigte er zwischen 70 und 150 Euro pro Tag – Geld, dass er sich vor allem durch Verhökern von gestohlenen Schnaps und Lebensmitteln beschaffte. Er redet von "Schleppen", wenn er diese Zeit beschreibt, und meint damit nichts anderes als ständigen Ladendiebstahl. Wenn er mit seinen Klau-Touren genug Geld zusammengebracht hatte, kaufte er umgehend die nächste Tüte Crystal Meth. Ein Selbstmord auf Raten.

Das Leben als Müllhaufen

Wie vielen Junkies hat ihm der Knast mehrfach das Leben gerettet. Die Orte, an denen Marc sich das Gift beschaffte, sind bis heute Brennpunkte der Leipziger Drogenszene. Es wird beklemmend, wenn Marc an einer schmuddeligen Parkbank steht. Er kennt sich bestens aus, deutet auf ein leeres Päckchen, in dem eine Marihuana-Mischung war, auf ein Band zum Abbinden des Arms, um die Venen für den nächsten Schuss vorzubereiten. Und ein leeres Päckchen Crystal.

Heute sucht der Pferdenarr eine neue Verbindung zu seinem Leben vor den Drogen und seinem endlosen Abstieg. Marc zeigt in seinen Zeichnungen auch beachtliches künstlerisches Talent – etwas, was er in all den Jahren als Krimineller und Junkie brachliegen ließ. Auch Sandra war jahrelang abhängig. Als sie schwanger wurde, stoppte sie zwar den Konsum, um ihr Kind nicht zu gefährden. Aber nachdem sie Mutter geworden war, griff sie wieder zu.

Der schwierige Weg zurück

Jetzt weiß sie: Ein einziger weiterer Drogenkonsum, und sie wird ihren Sohn verlieren. Sie absolviert eine Therapie in der sächsischen Fachklinik Heidehof. Vieles, was für Normalbürger selbstverständlich ist, muss sie erst wieder neu lernen: sich selbst behaupten, Stress auszuhalten. Oder auch ganz normal wieder zu essen. Wie viele Süchtige leidet sie unter Essstörungen. Sandra plagt eine regelrechte Angst vor Speisefetten.

Die Horrordroge ist auf dem Vormarsch, und die Konsumenten werden immer jünger. Die 37°-Sendung zeigt ihre Auswirkungen ungeschminkt genug, dass die Doku in Schulen zum Pflichtprogramm gehören sollte.

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