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TV-Kritik: "Götter in Weiß": Wenn Patienten die Rechnung bezahlen

Von Die Hintergründe dieses hochspannenden Arztfilms sind leider real: Durch Sparzwänge können sich in deutschen Krankenhäusern gefährliche Keime rasant vermehren.
Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) hat die kleine Leah (Hedda Erlebach) operiert. Ihr Zustand gibt Grund zur Sorge. Foto: (NDR Presse und Information) Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) hat die kleine Leah (Hedda Erlebach) operiert. Ihr Zustand gibt Grund zur Sorge.

Im Film ist es die kleine Leah Strasser (Hedda Erlebach), die sich eine verhängnisvolle Infektion im OP-Saal zuzieht. Auf den ersten Blick nur eine filmische Fiktion – aber mit bitterernstem Hintergrund: Zehntausende Menschen sterben jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern an Keim-Infektionen. Der Hauptgrund: Es ist nicht genug Geld da, die Standards für Sicherheit und Hygiene zu erhöhen und damit die Risiken kleinzuhalten.

Über dieses Thema einen Film zu machen, der bei allen Aussagen über das deutsche Kliniksystem noch spannend unterhält, ist keine leichte Sache. Hier zeigt sich Information und Spannung aber bestens verknüpft. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) operiert als Chirurgin Leah nach ihrem Unfall. Während der Operation fällt ihr die beschädigte Verpackung eines OP-Bestecks auf. Sie lässt sich eine neue Wundklemme reichen.

Allergischer Schock durch Antibiotikum

Doch nach der OP fangen die Probleme erst richtig an. Leah erleidet einen allergischen Schock durch ein Antibiotikum, das Hellberg dem Kind aber gar nicht verbreichen ließ. Immer wieder verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch. Einige Nachforschungen wecken in der Ärztin einen schlimmen Verdacht: Verabreichen die Chirurgen Patienten im OP-Saal schon vorsorglich Antibiotika, um Infektionen durch Keime auszuschließen?

 

Durch ihre Nachforschungen macht sich die Oberärztin in der Chirurgie aber keine Freunde, im Gegenteil. Das Krankenhaus, an dem sie arbeitet, steht unter dem Druck, seine Kapazitäten optimal auszulasten. Jemand wie Hellberg der die Folgen zu Lasten der Patienten aufdecken will, entwickelt sich zur Gefahr, und das bekommt die Ärztin, die nebenbei auch privat mit Problemen in der Familie zu kämpfen hat, plötzlich an allen Fronten zu spüren.

Sie wird geschnitten, unter Druck gesetzt, Akten sind plötzlich im Nachhinein verändert, ohne dass ein Urheber erkennbar wird. Der Film erzählt seine Geschichte aus der Sicht Hellbergs und das sehr souverän mit den Mitteln eines klassischen Verschwörungsthrillers, in dem plötzlich viele vertraute Kollegen wie Bestandteile eines Komplotts erscheinen. Selbst Hellbergs Arzt-Kollege und Ehemann Gunnar (Jan Messutat) wirkt plötzlich, als hätte er allerlei zu verbergen.

Geschichte über Mut und Verantwortung

Weil der Film seinen Schwerpunkt auf Anna Hellberg legt – die brisante Aussage über Sparzwänge und ihre Folgen im Gesundheitswesen läuft vor allem im Subtext mit – entwickelt er sich, anders als der "Tatort" letzten Sonntag oder "Gift" mit Heiner Lauterbach, auch nicht zum bloßen Thesenfilm. Daneben zeichnet er seine Figuren bemerkenswert ambivalent und erzählt nebenbei auch etwas zum Thema Zivilcourage und die Bereitschaft, für seine Überzeugungen auch Nachteile in Kauf zu nehmen.

Und das alles ohne jeden moralischen Zeigefinger. An den Schauspielern gibt es nichts zu meckern, besonders zwischen Claudia Michelsen und Anneke Kim Sarnau – beide als Fahnderin im "Polizeiruf 110" bekannt – stimmt die Chemie. Und dazu agieren die Figuren auch noch durchweg glaubwürdig. Bis auf eine etwas schräge Szene, in der Hellberg Fensterscheiben zerdeppert, gibt es an "Götter in Weiß" nichts auszusetzen.

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