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TV-Kritik: "Gotthard": Fesselndes Historien-Epos

Konventionell, aber mit Wucht erzählt: der monumentale Zweiteier über den mörderischen Bau des Gotthard-Tunnels.
Für ihn geht es um sehr viel: Der Unternehmer Louis Favre (Carlos Leal) bietet den Arbeitern Geld für einen gefährlichen Arbeitseinsatz. Foto: Lukas Zentel Für ihn geht es um sehr viel: Der Unternehmer Louis Favre (Carlos Leal) bietet den Arbeitern Geld für einen gefährlichen Arbeitseinsatz.
Was wäre nur das deutsche Fernsehen ohne Hollywood-Vorbild? Nicht nur im letzten Sonntags-"Tatort", in dem fleißig wie wahllos Zitate aus "Die Vögel" und "Pulp Fiction" verstreut waren. Auch dieser Film geht gleich in die Vollen mit einem Rennen zwischen einer Kutsche und einer dampfenden Eisenbahn. Der zitierte Film heißt "Herr des Wilden Westens" ("Dodge City") aus dem Jahr 1939 mit Errol Flynn und der am 1. Juli 100 Jahre alt gewordenen Olivia de Havilland.
 
Passt aber, Heimatfilm und Western überschneiden sich ohnehin in vieler Hinsicht in ihren Themen und Standartfiguren. Und wenn es um den Bau des Gotthard-Tunnels von 1872 bis 1880 geht, stehen die Vorbilder ohnehin schon fest: "Das eiserne Pferd" (1924) von John Ford und "Union Pacific" (1939) von Cecil B. DeMille, beide über den Bau der ersten transkontinentalen Eisenbau in den USA. Beide Vorhaben kosteten unzählige Menschenleben. In Amerika waren es Chinesen, beim Bau des Gotthard Italiener.   
 

Blutiges Ende einer Meuterei

 
Rund 200 Menschen kamen bei dem Bau des Gotthard ums Leben und eine unbekannte Anzahl später durch die Folgen. Sie starben durch Steinschlag und andere Unfälle, aber vor allem durch die entsetzlichen Lebensbedingungen. Die meisten Arbeiter schliefen dicht an dicht auf fauligen Strohsäcken und hatten keinerlei Platz für ihre Notdurft oder andere Verrichtungen. Dazu kamen Tote durch Streitereien untereinander und die Kugeln der Polizei, die 1875 einen Aufstand der Arbeiter blutig beendete. Wer krank wurde oder Verwundungen davontrug, hatte verloren.

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Der Film, eine internationale Co-Produktion, taucht tief ein in die Historie und zeigt das Elend, den Staub und Dreck, aber auch die gelegentlich aufflackernde und verzweifelt anmutende Lebensfreude hautnah. Und beeindruckt dabei zugleich mit dem enormen Aufwand am Statisten, Material  und Kostümen samt populären TV-Gesichtern wie Joachim Król oder Roeland Wiesnekker in markanten Nebenrollen. Die Szenerie hat schon etwas eindrucksvoll Monumentales – die Macher haben hier noch deutlich mehr geklotzt als die ARD zu Ostern mit dem Mittelalter-Epos "Das Geheimnis der Hebamme".
 

Spannende Figuren vernachlässigt

 
Dass der Film dabei auch noch eine Liebesgeschichte zwischen Max Bühl (Maxim Mehmet), der Schweizer Fuhrmannstochter Anna Tresch (Miriam Stein) und dem italienischen Minenarbeiter Tommaso (Pasquale Aleardi) erzählt, ist den Konventionen des Genres geschuldet. Historische Figuren wie der Bauunternehmer Louis Favre (Carlos Real), der bei einer Begehung des Tunnels an Herzversagen starb, oder Alfred Escher (Pierre Siegenthaler) bleiben darum zu blass. Schade, sie hätten gerade durch ihre Mischung aus Gewinnsucht und technischen Visionen spannende Figuren abgegeben.
 
Der Film zeigt den Bau des Tunnels aber konsequent von der anderen Seite, von unten. Als Sozialdrama funktioniert er darum auch am besten. Trotz einzelner dramaturgischer Unzulänglichkeiten bietet er nach dem Vorbild legendärer Adventsmehrteiler allein schon durch seine epische Wucht fesselnde Unterhaltung. Genau so muss das sein: Bildgewaltige Historienfilme gehören eben zu Weihnachten wie Tannenbaum und Glühwein.
 
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