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"HAL": Faszinierender Versuch

Dieser "Tatort" entwirft eine faszinierende und beängstigende Zukunftsvision. Warum er aber nur teilweise überzeugt:
Bluesky scannt alle Besucher in der Firmenlobby, um ihre Identität zu erfassen, z. B. die von Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller). Foto: SWR Bluesky scannt alle Besucher in der Firmenlobby, um ihre Identität zu erfassen, z. B. die von Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller).
Ein "Tatort" als Science Fiction-Thriller mit Anklängen an Stanley Kubricks "2001" - dort heißt ein gefährlicher Supercomputer "HAL 9000" - und an Kafka? So was weckt erst mal gemischte Gefühle. Es ist nicht das erste Experiment, das in der Krimi-Reihe gründlich danebengegangen wäre. Und dann auch noch ausgerechnet ein Stuttgarter Fall! Wäre das nicht viel mehr was für Felix Murot? Schließlich kamen schon "Im Schmerz geboren" und "Wer bin ich" aus Wiesbaden - und diese beiden Filme waren auch eher Versuchsballone als konventionelle Krimis.
 
Nur vordergründig haben hier Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) den Mord an einer Prostituierten aufzuklären. " Es geht um Überwachung, Cyberwelt und ein sich verselbständigendes Computerprogramm namens Bluesky. Ein von Software-Entwickler David Bogmann (Ken Duken) geschaffenes Programm, das ursprünglich dazu dienen sollte, anhand Mimik und Körpersprache künftige Verhaltensmuster vorauszusagen und damit Verbrechen schon im Voraus zu verhindern.
 

Altbekannte Science Fiction-Motive

 
Auch dieses futuristische Motiv kommt einem bekannt vor, aus Steven Spielbergs "Minority Report" nach der Kurzgeschichte von Philip K. Dick. Abgesehen von Kubrick kennt man das Motiv der künstlichen Intelligenz mit Eigenleben natürlich auch aus "Terminator" oder Songs wie dem Judas Priest-Klassiker "Metal Gods". Das Thema hat gewissermaßen längst selbst ein Eigenleben entwickelt: Darin spiegelt sich generell die Angst vor einem unüberschaubaren Themenkomplex wieder, vor einer Technik, die nur für wenige wirklich begreifbar erscheint.
 
Auch Bogmann verliert die Kontrolle über Bluesky, das auf Selbstoptimierung angelegt ist und nach Belieben weltweit freie Kapazitäten nutzt. Es wirkt seltsam komisch, wenn er sich am Ende ausgerechnet mit der Flinte wehren will - und auch nicht wirklich durchdacht, dass er damit sogar Erfolg hat. Ein Superprogramm, das sich mit ein paar Gewehrschüssen außer Gefecht setzen lässt? Aber das ist nicht das größte Manko des Films. Den hohen Ehrgeiz von Drehbuch und Regie in Ehren: Es fehlt trotz geschickt in die Geschichte hineinkonstruierter falscher Verdächtiger jene menschliche Komponente, die in einem Krimi wie in einem Science Fiction-Film für echte Spannung sorgt.
 

Faszinierend, aber nicht mitreißend

 
Ein Computerprogramm ist eben doch kein echter Ersatz für einen humanen Bösewicht-Charakter, auch wenn es sich abwechselnd ein menschliches oder tierisches Gesicht verleiht. Jener emotionale Anknüpfungspunkt, der einen in die Geschichte hineinversetzt - es gibt ihn nicht. Der Film will eine paranoide Stimmung erzeugen, aber man tut sich schwer, wirklich mit jemandem mit zu fiebern. Die Aufklärung des Mordfalls geschieht nebenbei, der Täter bleibt blass. Rein optisch kann der Film dafür auf ganzer Linie nicht nur überzeugen, sondern geradezu begeistern.
 
So elegante und ausgeklügelte Kamera-Fahrten bekommt der Zuschauer in der Krimi-Reihe selten zu sehen. Die Zitate an Kubricks Klassiker sind ebenfalls sehr gelungen. Ebenso die Kulissen, die Farbdramaturgie - alles großes Kino. Aber es bleibt eine seltsam kalte Faszination, die nicht berührt. So hinterlässt der Film denn auch einen höchst zwiespältigen Eindruck. Als Experiment in Sachen Science Fiction und visuelle Stilübung macht er sich wirklich gut. Als "Tatort" dagegen verfehlt er sein Ziel, wenn auch auf sehr hohem Niveau.
 
Der Film in der Mediathek

 

 
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