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"Hirngespinster": Am Psycho gescheitert

Von Wie stellt man die Geisteskrankheit Schizophrenie überzeugend im Film dar? Dieser Film schafft es leider nicht.
Der an Schizophrenie erkrankte Architekt Hans (Tobias Moretti) und sein Sohn Simon (Jonas Nay) begutachten ein Modell. Foto: (BR/Bildarchiv) Der an Schizophrenie erkrankte Architekt Hans (Tobias Moretti) und sein Sohn Simon (Jonas Nay) begutachten ein Modell.
Schizophrenie – über diese Krankheit machen sich die meisten völlig falsche Vorstellungen. Hans Dallinger (Tobias Moretti) erlebt die Auswirkungen in diesem Film am eigenen Leib. Nein, es hat nichts mit einer Persönlichkeitsspaltung in Gut und Böse, in Erlaubtes und Verbotenes, Verdrängtes zu tun. Nichts von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wie viele glauben. Aber sehr viel mit einer Art Zersplitterung des Denkens, der Unfähigkeit, sich zu konzentrieren oder Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu trennen.
 
Betroffene erleben die Krankheit oft verknüpft mit Halluzinationen, besonders etwa als das Hören von Stimmen, die sie nicht abschalten können. Sie leiden dadurch massiv unter dem Eindruck, die Kontrolle zu verlieren, von außen gelenkt zu werden und ihr Leben nicht mehr bewusst und gewollt steuern zu können – was sie paranoid, hochaggressiv und potentiell auch gefährlich macht. Hans Dallinger glaubt, die Satellitenschüssel seiner Nachbarn diente dazu, seine Gedanken, Ideen und Entwürfe zu stehlen. Das ist noch ziemlich realistisch.
 

Die Angst des Sohnes

 
Als er die Schüssel erstmals kaputtmacht, kann seine Familie ihn noch herausreden. Doch das zweite Mal greift er mit der Axt die Mechaniker an, die das Gerät reparieren wollen. Sein Sohn Simon (Jonas Nay), der gerade die Bekanntschaft der jüngeren Verena (Hanna Plaß) gemacht hat, ist hin- und hergerissen. Er möchte seinem kranken Vater beistehen, aber er hat auch Angst davor, eines Tages ebenfalls verrückt werden zu können. Und was würde Verena dazu sagen, die er eben erst kennengelernt hat?
 
Er lügt sie darum erstmal an, als er wegen des Ausrasters seines Vaters nach Hause will. Er möchte alles tun, die Familie zusammenzuhalten, aber er wünscht sich auch ein Leben für sich selbst. Aber das ist keine leichte Aufgabe, zudem seinem Vater die Einsicht in seine Krankheit fehlt. Der Film von Christian Bach zeigt die Auswirkungen der Krankheit auf eine Familie recht deutlich, scheitert aber an der Krankheit selbst. Hans Dallinger erscheint zwar häufig etwas schräg, lauernd, und Tobias Moretti spielt das auch durchaus wirkungsvoll.
 

Schizophrenie hat auch andere Seiten

 
Aber die Krankheit an sich kommt für den Zuschauer nicht wirklich realistisch rüber. Was aber nicht Morettis Schuld ist: Schizophrenie zeigt sich eben nicht nur durch Verfolgungswahn und Aggressivität, sondern sehr oft auch durch sozialen Rückzug, Erstarrung oder Apathie. Diese Seiten der Krankheit kommen im Drehbuch kaum zur Geltung. Was aber wichtig gewesen wäre: Nur selten gelingt es in der Realität nämlich Kranken, sich überhaupt eine berufliche Karriere wie der fiktive Hans Dallinger aufzubauen.
 
Und umgekehrt sind Aufsteiger wie Dallinger auch meistens nicht von dieser Krankheit betroffen. Weit besser als Moretti kann sich darum Jonas Nay in seine Rolle hineinspielen. Seine Darstellung des  liebenden Sohn mit Freiheitsdrang gelingt ihm ausgezeichnet. Besonders die Gewissensbisse, die er angesichts seines kranken Vaters empfindet, nimmt man ihm jeden Moment ab. Sowohl Moretti als auch Nay erhielten für ihre Rollen in diesem Film den Bayrischen Filmpreis 2013, aber wirklich glänzen kann nur Nay.

 Der Film in der Mediathek

 
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