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"Im Spinnwebhaus": Kinderfilm als Schauerdrama

In seinen märchenhaft-magischen Bildern erzählt der Film im Kern vom Verlust der Sicherheit und Kindheit.
Nach dem Verlust der Mutter gleicht das Leben der Kinder  (von links: Lutz Simon Eilert, Ben Litwinschuh, Helena Pieske) immer mehr einem Balanceakt. Foto: SWR/missingFilms Nach dem Verlust der Mutter gleicht das Leben der Kinder (von links: Lutz Simon Eilert, Ben Litwinschuh, Helena Pieske) immer mehr einem Balanceakt.
Dass mit der Mutter etwas nicht stimmt, merkt man trotz des heiter-verspielten Anfangs recht schnell. Fahrig und nervös wirkt Sylvie Testud, als sie ihre Tochter Miechen (Helena Pieske) vom Kindergarten abholt. Ihr Wagen, ein alter Fiat, ist verrostet und heruntergekommen wie bald das Haus, in dem sie mit ihren Kindern lebt. Schönes Detail: Durch einen Steinwurf des kleinen Nick (Lutz Simon Eilert) auf den Briefkasten wird eine Seitenscheibe des Familienautos getroffen und im Scheibenglas erscheint ein Muster, dass selbst schon wie eine Spinnwebe aussieht.
 
Eine Atmosphäre von drohender Gefahr durchzieht schon die ersten Minuten des Films: Sie zeigt eine bürgerliche Existenz am Rand des Zerbrechens. Eine Familie, die im Wesentlichen durch den engagierten Jonas (Ben Litwiuh) zusammengehalten wird. Er zieht die Handbremse an, als seine Mutter wie gehetzt ihr Miechen abholt. Ihr Nervenzusammenbruch bringt sie dann in eine Klinik - sie spricht von Dämonen, womit aber ihre Kinder gemeint sind. Als sie nicht zurückkommt, sind ihre Kinder auf sich selbst gestellt - und gleiten in eine bizarre Fantasiewelt.
 

Kameramann mit Erfahrung

 
Im Wesentlichen ist der Film ein Werk von Kameramann Jürgen Jürges, der bereits mit Größen wie Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet hat. In seinem Werk findet sich unter anderem "Die Zärtlichkeit der Wölfe", ein schaurig-schöner Gruselfilm über den Serienmörder Fritz Haarmann mit vielen poetischen Momenten. Solche Momente finden sich auch in diesem Kinderfilm, der nicht in erster Linie ein realistisches Sozialdrama erzählt - obwohl er auf einer wahren Geschichte beruht - sondern an das phantastische deutsche Kino der frühen wanziger Jahre erinnert.
 
Es sind denn auch die an den expressionistischen deutschen Stummfilm erinnernden beklemmend schönen Bilder, die dem Film eine besondere Faszination verleihen. Die Spinnweben zeigen eine deutliche Nähe des Films zum Schauerdrama wie auch zum klassischen Samuraifilm "Das Schloss im Spinnwebwald" von Akira Kurosawa. Sie stehen aber auch für Zerbrechlichkeit - sowohl der Familienstruktur durch das Verschwinden der Mutter als auch umgekehrt wieder für den Verlust des Kind-Seins in der gesponnenen Fantasiewelt durch Erwachsene.
 

Vielschichtig und ausdrucksstark

 
Mit Ausnahme des gleichfalls versponnenen Herumtreibers Felix Graf von Gütersloh (Ludwig Trepte) erscheinen Erwachsene in ihrer Rationalität hier meist als Bedrohung. Diese Vielschichtigkeit, dieses gekonnte Balancieren zwischen Fantasie und Realität - man betrachte dazu nur das Standbild zu dieser Rezension - und das feine Zitieren künstlerischer Vorbilder findet man speziell im deutschen Film nicht eben oft. Die Darsteller der Kinder agieren recht natürlich und verleihen der fantastisch anmutenden Handlung durchweg Glaubwürdigkeit.
 
Mara Eibl-Eibesfeldt hat mit ihrem Langfilmdebüt ein Werk von bemerkenswerter filmischer  Ausdrucksstärke geschaffen. Dass die Handlung in ihrer eher episodenhafen Struktur nicht sonderlich stringent ist, gerät da fast zur Nebensache. Als einen richtigen Kinderfilm kann man ihn nicht bezeichnen, dafür wird er am Ende ein wenig zu spannend. Obwohl - viele Märchen sind ja auch reichlich grausam.

Den Film in der Mediathek ansehen
 


 
 
 
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