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TV-Kritik: "Im Tunnel": Thriller oder Psycho-Trip?

Von Statt eines klassischen Montagskrimis gibt es diesmal vom ZDF eine gewiefte Paranoia-Studie. Die funktioniert nicht schlecht, auch wenn das Ende nicht alle befriedigen dürfte.
Maren (Maria Simon) im Tunnel. Sie glaubt, der Tod ihres Bruders habe etwas mit gelagertem Giftmüll zu tun. Foto: ZDF und Boris Laewen Maren (Maria Simon) im Tunnel. Sie glaubt, der Tod ihres Bruders habe etwas mit gelagertem Giftmüll zu tun.

Gewisse Parallelen sind nicht zu übersehen, wenn auch nur im begrenzten Ausmaß: "Silvia S. - Blinde Wut" hieß die Psycho-Studie um eine Amokläuferin, die das ZDF Anfang November 2015 präsentierte. Maria Simon verkörperte dort die Titelfigur, eine Frau, die sich nach einer Abfolge tief empfundener Kränkungen nach beruflichen Fehlschlägen durch ihren Übereifer immer mehr von ihrer Umwelt entfremdete, in sinnlose Grübeleien verstrickte und am Ende in ihrer eigenen Familie ein Blutbad anrichtete.

Auch bei "Im Tunnel" handelt es sich im Schwerpunkt um eine Psycho-Studie, obwohl einige Umstände des Films mitunter einen anderen Ausgang der Geschichte nahelegen. Das ZDF hat sie auf den klassischen Sendeplatz des Montagskrimis gesetzt und sie beginnt auch wie ein klassischer Krimi: Die eigentliche Handlung fängt an zu laufen, als Maren (Maria Simon) ihren Bruder in seinem Heim erschlagen auffindet. Der hatte als Architekt ein historisches Tunnelsystem unter Hamburg entdeckt.

Ein Dealer als Täter

 
Und er arbeitete für eine Firma, die möglicherweise industriellen Sondermüll in der Nähe eines Wohngebiets lagerte. Die Polizei zeigt sich jedoch an einem möglichen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Auftrag ihres Bruders ziemlich desinteressiert: Täter soll ein Dealer gewesen sein, was Maren wiederum für unmöglich hält. Ihr Bruder habe vor etwa zwanzig Jahren seinen letzten Joint geraucht. Maren beginnt selbst zu recherchieren – und verstrickt sich dabei in immer absurdere Wahnvorstellungen.
 
Erst glaubt sie einem Giftmüllskandal auf der Spur zu sein, dann geht es um eine Verstrickung des russischen Geheimdienstes bis zum Anschlag mit einer schmutzigen Bombe. Ihr Mann und ihre beiden Kinder sehen sich zunehmend außerstande, zu Maren in ihren Wahnvorstellungen durchzudringen. Dabei erzählt der Film diese Bestandteile der Geschichte Marens als Rückblende. Maren schildert einer Gutachterin (Johanna Gastdorf) ihre Erlebnisse, weil sie wegen Körperverletzung vor Gericht steht.

Auf Effekt gebürstet

Als Film über die Anbahnung einer Psychose ist "Im Tunnel" nur sehr eingeschränkt tauglich. Während "Sylvia S – Blinde Wut" die Entwicklung der Hauptfigur an vergleichsweise alltägliche Situationen knüpft und dabei durch die betont ruhige Inszenierung ein realistisches Szenario bildet, überwiegen hier Thriller-Effekte. Die sind einerseits zwar sehr schön gemacht - wie eigentlich immer, wenn Ngo The Chau hinter der Kamera sitzt – verbauen dem Zuschauer aber andererseits manchmal den Zugang zu Maren und ihrer Krankheit.

Auch in paranoiden Wahnvorstellungen geht es bei weitem nicht immer um Verschwörungen dieses Ausmaßes. Aber über die Frage, ob Maren nun wirklich so verrückt ist, gibt es am Ende noch eine hübsche Pointe. Das Unentschlossene zwischen Thriller und Psycho-Studie ist deswegen natürlich Absicht, die Kombination zwischen den beiden Genres durchaus gelungen.

Surrealistische Szenen im Tunnel

Zum guten Eindruck trägt nicht nur die herausragende Maria Simon bei, sondern auch mancher Bildeinfall. Wenn Maren sich beim Licht einer Taschenlampe durch die Tunnel kämpft, steht das wie im surrealistischen Stummfilm auch für das Gefangensein in ihren Wahnvorstellungen. Dennoch, den einen oder anderen Zuschauer dürfte der Film nicht ganz zufrieden zurücklassen.
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