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TV-Kritik: "Lotte Jäger": Diese Frau bringt frischen Wind

Von In ihrem ersten Film beleuchtet die neue Ermittlerin ein kaum bekanntes Kapitel aus der DDR-Vergangenheit.
Lotte Jäger (Silke Bodenbender) untersucht den Tod einer jungen Frau, die 1988 nicht weit von diesem See entfernt ums Leben kam. War es Mord? Foto: Hans-Joachim Pfeiffer Lotte Jäger (Silke Bodenbender) untersucht den Tod einer jungen Frau, die 1988 nicht weit von diesem See entfernt ums Leben kam. War es Mord?
Dieser Film weckt massiv Erinnerungen. Durch die Bilder an der Wand mit Helmut Schmidt oder Franz Josef Strauß. Durch die Musik von Kim Wilde. Und auch durch die Silke Bodenbender und Isolda Dychauk, obwohl die beiden zwei völlig unterschiedliche Rollen verkörpern: Bodenbender spielt Lotte Jäger, die viel Jahre in der Mordkommission arbeitete und schließlich keine Toten mehr sehen konnte. Seitdem arbeitet sie als Oberkommissarin in einer Sonderabteilung in Potsdam, wo sie sich mit ihrem Kollegen Kurt Schaake (Sebastian Hülk, der gestern im "Polizeiruf 110" als Mörder zu sehen war) um ungeklärte Mordfälle kümmert.
 
Wie um den Fall Birgit Wachowiak (Isolda Dychauk). Die und Lotte Jäger könnten fast die gleiche Person sein, besonders wenn sie auch noch im Abstand von fast dreißig Jahren im gleichen See schwimmen: Beide rötlich-blond, ähnlicher Frisur, grazil gebaut, öfters mal barfüßig und mit einem frechen lockeren Charme. Ein möglicherweise bewusst von Drehbuch und Regie eingesetztes geschicktes Mittel, um die Vergangenheit nach über einem Vierteljahrhundert  möglichst nah heranzuholen? In diesem Fall hätte das gut geklappt. 
 

Prostitution in höchsten Kreisen

 
Die junge Frau arbeitete als Kellnerin auf Hubertusstock, dem Jagdschloss der DDR-Bonzenelite. Dort nahm sie sich zusammen mit ihrer Kollegin Sonja Platschek (Anna Maria Mühe) auch der körperlichen Bedürfnisse der hochrangigen Gäste aus sozialistischen Bruderstaaten ebenso wie aus dem Westen an. Ein bisschen Geld, ein paar Privilegien - und schon hatten die jungen Frauen das ersehnte Gefühl, irgendwie dazuzugehören zum geheimen Zirkel der Macht in der DDR. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag im August 1988, als Birgits blutverschmierte Leiche zu einem Politikum wurde.
 
Ihr Verehrer und Freund wurde für den Mord an der jungen Frau verurteilt und saß die volle Strafe ab, obwohl er die Tat nicht begangen hatte. Doch in der U-Bahn erkannte er an einem Muttermal einen Mann wieder, den er kannte - von Hubertusstock aus. Kurz darauf verschwindet der Mann aber, und ihr Freund landet schwer verletzt und im Koma im Krankenhaus. Lotte Jäger untersucht den Mord, für den er verurteilt wurde, und taucht dabei tief in die DDR-Vergangenheit ein. Und in das Leben von Birgit Wachowiak.
 

Das süße Leben der Bonzen

 
Personen und Handlungen sind laut ZDF frei erfunden, aber von wahren Begebenheiten inspiriert. Schon etliche Serien und Filme verarbeiteten das Leben in der DDR, aber wohl noch nie beleuchtete eine Produktion so dicht das süße oder eher süßliche Leben der Führungsschicht. Es ist ein bizarres neofeudalistisches Gepränge, wenn die Kamera von Hanno Lentz an der fein säuberlich in Reih und Glied gelegten Jagdbeute entlanggleitet. In einer Szene stößt Lotte Jäger auf einen Riesenhaufen Geweihe, alle mit Datum und Namen des Schützen versehen, der das entsprechende Tier zur Strecke gebracht hat oder das zumindest glauben gemacht wurde.
 
Es erinnert an das ungeordnete Skelett eines Dinosauriers. Die Nutznießer der DDR wussten nicht nur die Annehmlichkeiten des Kapitalismus zu schätzen, sondern wechselten nach dem Fall der Mauer auch problemlos in die obersten Etagen der Bundesrepublik. Der Film zeigt indessen einen Vertreter dieser Schicht mit bemerkenswerter Ambivalenz. Ansonsten wirkt "Lotte Jäger und das tote Mädchen" vor allem durch seine Hauptdarstellerin. Silke Bodenbender könnte einen dringend notwendigen frischen Wind in die TV-Ermittlerszene bringen.
 
Der alte offene braune Peugeot, mit dem sie sich rasant umherbewegt, passt nicht übel zu ihrer Ausstrahlung von Lebensfreude, die sie wohltuend von ihren depressiven Kollegen unterscheidet. Ein solcher Wagen mit gleicher Farbe fährt übrigens auch im "Bergdoktor", es dürfte sich um das selbe Fahrzeug handeln. Allzu lange wird man Lotte Jäger sicher nicht vermissen: Es ist ein zweiter Film geplant.
 
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