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TV-Krititk: "Mama geht nicht mehr": Der lange Abschied

Von Wenn die todkranke Mutter sich im Haus der Tochter einnistet: Diese schwarze Komödie vergisst man nicht so schnell.
Arzt und Kollege Frank Jürges (André Jung) muss Karin Glaser (Mariele Millowitsch) etwas Schlimmes sagen: Sie hat nicht mehr viel Zeit. Foto: ZDF und © Frank Dicks Arzt und Kollege Frank Jürges (André Jung) muss Karin Glaser (Mariele Millowitsch) etwas Schlimmes sagen: Sie hat nicht mehr viel Zeit.
Eine an Krebs dahinsiechende Frau als Komödienfigur? Warum nicht – schließlich hat schon Charlie Chaplin bewiesen, dass mit traurigen Themen ausgesprochen lustige Filme gelingen können. Vorausgesetzt natürlich, die Macher beherrschen ihr Metier. Aber am Anfang steht natürlich erstmal der Schock. Das Todesurteil. Im Fall von Karin Glaser (Mariele Millowitsch) ist es ein metastasierendes Karzinom an der Bauchspeicheldrüse, dass ihr noch etwa zwölf Monate zu leben gibt.
 
Für die Ärztin ein Schock: Sie wollte eigentlich einen Traum wahr werden lassen und tauchen lernen. Sie steht mitten im Leben und hat eine erfolgreiche Karriere hinter sich. Aber diese Karriere hat sie auch von ihrer Tochter entfremdet: Zu Steffi hat sie schon lange keinen Kontakt mehr. Speziell seit sie deren Hochzeit schwänzte, haben Mutter und Tochter nicht mehr miteinander geredet. Und zwischen Steffi und Karins Schwiegersohn Basti (Simon Schwarz) kriselt es. Die beiden haben sich auseinandergelebt, und Basti eine Affäre mit seiner Sprechstundenhilfe angefangen.
 

Die Mutter merkt alles

 
Und dann kommt auch noch die sterbenskranke Mutter, die sich ins Haus der Tochter einnisten will, um noch zu reparieren, was vor langer Zeit kaputt ging. Die sich ungefragt in alles einmischt, ihren eigenen Stempel aufdrücken will, hinter Geheimnisse kommt, die jeder gerne für sich behält. Die Pornos, die der Enkel heimlich im Internet schaut. Die Affäre des Schwiegersohns. Und die gleichzeitig ihr Leben verrinnen sieht und merkt, wie ihre Kräfte schwinden. Wie sie ihre Haare verliert, denn sie unterzieht sich einer qualvollen Chemotherapie. Nicht weil sie damit ihr Leben zu retten glaubt – sie weiß, dass es nichts mehr zu retten gibt – sondern weil sie mit ihrer Tochter Frieden schließen will.

Film verpasst? Hier geht es zur Mediathek
 
Es ist ein ziemlich starker Tobak, den Vivian Naefe nach einem Buch von Stefan Kuhlmann und  Murmel Clausen hier als Komödie präsentiert. Der Film geht dabei mitunter schmerzhaft unter die Haut. Er zeigt heftige Szenen wie die todkranke Ärztin, die sich würgend über die Kloschüssel beugt. Immer wieder aber auch Szenen von spontaner Lebensfreude, die er gekonnt mit einer melancholischen Note versieht. Besonders gelungen etwa, wenn Karin  während einer rasanten Autofahrt ihre Perücke verliert, anschließend  ihr Cabrio zum Verkauf gibt  und leise sagt: "Es war schön mit dir".
 

Auch schwarzer Humor fehlt nicht

 
Der Film verbindet ein hartes Krebs- und Abschiedsdrama mit oft hübsch beiläufigem schwarzem Humor. "Ich dachte, die wär tot" ertönt es von ihrem Enkel, als sie sich erstmals nach Jahren wieder bei ihrer Tochter blicken lässt und "Noch nicht ganz" lautet die lakonische Antwort. Der Film taucht sowohl seine Charaktere als auch den Zuschauer in ein ständiges Wechselbad der Gefühle und erreicht damit eine beträchtliche Spannung. Besonders die Musik, zusammengestellt aus klassischen Pop-Hits, vermittelt dabei oft einen Eindruck von hektischer Lebensgier, der sehr schön zu dem Thema passt.
 
Mariele Millowitsch gibt Karin in einigen Szenen mit müdem und verständnisvollem Sarkasmus, was dem Geschehen einen sehr authentischen Eindruck verleiht. Den Szenen mit Film-Tochter Mina Tander fehlt es nicht an Aggressivität. Dass die Tochter der Komik-Legende Willy Millowitsch sowohl das heitere wie auch das dramatische Fach bestens beherrscht, hat sie schon in vielen Rollen bewiesen. Und die Macher mit diesem Film, dass sie auch mit einem sehr schwierigen Thema beachtliche Resultate erzielen können.
 
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