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TV-Kritik: "Mein Sohn, der Klugscheißer": Schlaue Mixtur

Ein Außenseiter-Drama mit Witz und fein gezeichneten Figuren: Im Mittelpunkt steht ein Kind mit Hochbegabung.
Der hochintelligente Jerôme (Maximilian Ehrenreich) gilt an seiner Schule als verlachter Außenseiter. Jan (Marno Quandt) setzt ihm schwer zu. Foto: ARD Degeto/Georges Pauly Der hochintelligente Jerôme (Maximilian Ehrenreich) gilt an seiner Schule als verlachter Außenseiter. Jan (Marno Quandt) setzt ihm schwer zu.
Letzte Woche Dreiecksbeziehung und Bisexualität, jetzt ein Sohn mit Hochbegabung: Die ARD-Spielfilmabteilung Degeto entwickelt offenbar einen erfreulichen Hang zu ausgefallenen Themen. Wobei – so hochbegabt kommt der kleine Jerôme (Maximilian Ehrenreich) gar nicht rüber. Eher etwas seltsam mit seiner ewigen Wollmütze auf dem Kopf. Aber genau damit erscheint er eben auch als der perfekte Gegenpart zu seiner Mutter Debbie Höffner (Alwara Höfels, Oberkommissarin Henni Sieland aus dem Dresden-"Tatort").
 
Debbie ist das genaue Gegenteil ihres Sohnes. Sie fährt Bus und liebt Hunde, schnelle Autos, Musicals von Andrew Lloyd Webber und ihren neuen Freund Marco (Adam Bousdoukos). Jerôme fürchtet sich vor Hunden, ist ein Ass im Kopfrechnen, verfasst höchst tiefgründige Poesie und spielt in seiner Schule die Rolle des Außenseiters, über den sich jeder ungestraft lustig machen kann. Als er sich wehrt und Jan (Marno Quandt) die Nase bricht, haben er und seine Mutter erst Recht die Schule gegen sich.

Logik-Schwäche wird ausgebügelt

Eine Psychologin (Barbara Philipp) vermutet eine Hochbegabung bei dem Jungen und testet ihn. Doch Jerôme bekommt mit, dass seine Mutter wenig begeistert davon ist, einen hochbegabten Sohn zu haben – und sabotiert den Test. Dieser Teil des Films tut sich etwas schwer mit der erzählerischen Logik – was den Drehbuchautoren Lea Schmidbauer und Pia Strietmann aber wohl auch bewusst gewesen sein dürfte. Ab da unternimmt der Film nämlich umfangreiche Anstrengungen, das Verhalten der Mutter, die ihren Sohn partout nicht auf eine Schule für hochbegabte Kinder gehen lassen will, psychologisch zu begründen und dramaturgisch abzufedern.

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Bisweilen entwickelt sich die Geschichte zu einer Psycho-Studie der Mutter, was der Film handlungstechnisch aber sehr gut meistert. Im Kern geht es in der Geschichte nämlich einerseits um das Außenseiter-Sein und Dazugehören-Wollen ebenso wie um einen Abnabelungs- und Emanzipationsprozess. Wobei der Film zwar mit grellen Kontrasten arbeitet – so die eher schrille, extrovertierte Mutter und der ernste und tiefsinnige Sohn – aber über seine Nebenfiguren diese Klischees auch wieder eindämmt. So erscheint etwa Marco, der Freund der Mutter, ebenfalls als prolliger Macho.

Nicht alle Szenen sitzen richtig

Bei näherem Kennenlernen zeigt er aber mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen in Jerôme als dessen Mutter.

Die stimmigen Charaktere lassen den Zuschauer auch über einige Szenen wie vom Reißbrett mit reichlich gekünstelten Dialogen hinwegsehen: "Wenn du noch einmal versuchst, so sein zu wollen wie wir, dann mach ich dich fertig" sagt etwa sein Quälgeist Jan (Marno Quandt) zu ihm in der Umkleidekabine. Geschenkt, ebenso wie merkwürdig geschlossene Gegnerschaft Jerômes in der Schulleitung.

Auch die ausgezeichneten Darsteller helfen über solche kleinen Schwächen hinweg. Alwara Höfels hat im Dresdner „Tatort“ zwar nicht die Mutterrolle, sie hätte sie aber haben sollen. Als liebend-skeptische und vereinnahmende Mutter liefert sie in „Mein Sohn, der Klugscheißer“ jedenfalls eine Glanzleistung ab und spielt auch prächtig mit dem dreizehnjährigen Maximilian Ehrenreich zusammen. Mit ihrer einfühlsamen Regie schuf Pia Strietmann eine gelungene Mixtur aus Psycho-Drama, Witz und einem kleinen Schuss Sentimentalität.
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