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TV-Kritik: "Mensch Schröder!" Der schillernde Kumpel

Von Kann ein Portrait über den Altkanzler in nur einer Dreiviertelstunde gelingen? Das ZDF hat es zumindest versucht.
Gerhard Schröder, Bundeskanzler von 1998 bis 2005: Besonders die unter ihm umgesetzte Agenda 2010 sorgt für heftige Kontroversen. Foto: Sean Gallup/ZDF Gerhard Schröder, Bundeskanzler von 1998 bis 2005: Besonders die unter ihm umgesetzte Agenda 2010 sorgt für heftige Kontroversen.
Gerhard Schröder? Der war doch mal…ach ja, Bundeskanzler. Der Mann zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel, was ihn rückblickend ein wenig wie eine Zwischenlösung wirken lässt. In letzter Zeit haben wir kaum noch was Bedeutendes von ihm oder über ihn vernommen. Nicht einmal das Scheitern seiner vierten Ehe löste ein größeres Rauschen im Blätterwald aus. So gesehen weckt die ZDF-Dokumentation zumindest nostalgische Bedürfnisse. Wie, ist das schon bald zwanzig Jahre her, dass der ins Bundeskanzleramt einzog?
 
Als eine Art Anti-Kohl erschien er zu Beginn seiner Kanzlerschaft. Ein Typ mit Ecken und Kanten, auch optisch. So ganz anders als der Riese Kohl mit seinen weichen Konturen. Einer, der auch ohne Jackett eine gute Figur abgab. Der Film zeigt viele entsprechende Aufnahmen von ihm, was gut passt: Es war ja gerade seine hemdsärmelige Art, die gut ankam. Und das garantiert nicht nur bei Thomas Gottschalk, der sich über ihn äußert.  Wo Kohl wie ein König rüberkam, erschien Gerhard Schröder im Vergleich wie ein alter Kumpel.

Schröder als Rot-Kohl

Der Weg vom Anti-Kohl zum Rot-Kohl, vom Kumpel zum Genossen der Bosse war kurz. Die Agenda 2010 sorgte für heftigste Kontroversen, denen sich der Film auch ausgiebig widmet. War die Agenda 2010 wirklich segensreich, wie Schröder meint? Und wenn ja, für wen? Dass nach Meinung vieler Kritiker der "Fortschritt" mit einer massiven Zunahme von Leiharbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen einherging und der Aufstieg von Arbeitern – einer Schicht, aus der Schröder selbst kommt – in den Mittelstand massiv schwieriger wurde, kommt ganz gut zum Ausdruck.  
 
Natürlich gab es auch Lob. Etwa von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Schröders Maßnahmen als "mutig" und "entschlossen" bezeichnete. Ein Lob ausgerechnet von der Gegnerin, oh weh. In Schröder ballt sich sich sich die Tatsache, dass sich ausgerechnet  Sozialdemokraten für einen massiven sozialen Kahlschlag verantwortlich zeigten. Aber bei einer echten Vertiefung dieses Themas hätte "Mensch Schröder“!“ den Senderahmen gesprengt.

Fünfundvierzig Minuten sind zu wenig

Der ZDF-Beitrag über den Altkanzler gibt sich Mühe, Schröder nicht auf Agenda 2010 und seine Beziehung zu Putin zu reduzieren. Dass sich Schröder nicht weiter über Putin auslassen will, ist keine Überraschung. Immerhin kann der Zuschauer Schröders Aufstieg noch einmal ganz gut miterleben, vom Sohn eines Hilfsarbeiters zum mächtigsten Mann im Staat. Das meiste ist bekannt, aber vieles war schon lange wieder vergessen.
 
Dass solche Filme manches verkürzt und ein arg verkürzt an den Mann bringen, ist der kurzen Laufzeit geschuldet. Sie wird Schröder aber insoweit gerecht, als dass sie wie auch der Altkanzler selbst für Kontroversen sorgen dürfte. Insgesamt gelang in den fünfundvierzig Minuten ein passables Portrait eines Politikers, der den Zeitgeist clever zu nutzen verstand – ohne sich ihm aber je wirklich unterzuordnen.
 
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