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TV-Kritik: "Mörderische Stille": Die dreckigste Seite des Krieges

Von Zwangsprostitution für NATO-Bordelle im Kosovo: Dieser Krimi mit Jan Josef Liefers fasst ein extrem heißes Eisen an.
Amal (Ivan Anderson, l.) und Holzer (Jan Josef Liefers, r.) untersuchen den Mord an einem Soldaten, der im Kosovo eingesetzt war. Foto: ZDF und Marion von der Mehden Amal (Ivan Anderson, l.) und Holzer (Jan Josef Liefers, r.) untersuchen den Mord an einem Soldaten, der im Kosovo eingesetzt war.
Professor Boerne bleibt diesmal außen vor. Wenn Jan Josef Liefers als Kommissar Holzer seiner Arbeit nachgeht, gibt es keine lockeren Sprüche, Eher fließen mal Tränen, wenn sich Holzer mit seiner Vergangenheit beschäftigt, und das tut er zwischendrin ziemlich oft. Verbissen malt, nein: knallt er seine Figuren aufs Papier. Holzer hat getötet. Ebenso wie Michael Kühnert (Peter Lohmeyer), der Skipper, der als Soldat im Kosovo war. Und auch Gerd Heider (Achim Buch), ein anderer Protagonist dieses Dramas.
 
Auch er hat im Kosovo gekämpft und Menschen getötet und verletzt. Was nun auch Racheakte nach sich ziehen könnte. Könnte der Tote, den ein Angler in der Bucht von Wilhelmshaven aus dem Wasser zieht, einem solchen Racheakt zum Opfer gefallen sein? Er war Offizier der niederländischen Kfor-Truppen, wurde jedoch unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Und könnte in die schmutzigste Seite dieses Krieges verstrickt gewesen sein: Es ging damals um Bordelle für die NATO-Truppen, in die einheimische Frauen zum Dienst gepresst wurden.

Kriminologie kommt zu kurz

Auch einheimische Zuhälter hatten sich daran beteiligt. Der Film von Friedemann Fromm (Drehbuch und Regie) erscheint vor allem als Analyse eines Zustands. Jeder hat hier irgendwie mit Schuld zu kämpfen, auch diejenigen, die sich nichts anmerken lassen. Kriminologische Zusammenhänge spielen dabei nur eine Nebenrolle. Bald gibt es einen zweiten Toten, der, wie es aussieht, von einem Präzisionsschützen ermordet wurde. Es handelt sich um einen Kosovo-Albaner, und das Segeltuch, in das die erste Leiche eingewickelt war, stammt von seinem Boot.
 
Ansonsten klärt sich vieles nicht über Indizien, sondern über erklärende Dialoge, etwa über die Vergangenheit des Toten. Was eigentlich nicht das Optimale darstellt in einem Film, der ja doch ein Krimi sein soll. Fromm peppt aber die dadurch mitunter etwas schleppende Geschichte ganz clever immer wieder durch die Figur der Deutsch-Türkin Amal Catack auf. Auch sie hat mit Schuld zu kämpfen: Einst hat sie ihre Tochter, die jetzt zwangsverheiratet werden sollte, bei ihrer Familie zurückgelassen.

Ivan Anderson sorgt für Pfeffer

Ivan Anderson, Kurdin aus Ostanatolien, verleiht der Geschichte mit ihrem emotionalen Temperament immer wieder eine kräftige Dosis Pfeffer.  Catack erweist sich zudem durch ihre kontroversen Ansichten als spannende Figur: Warum soll man unbedingt den Tod eines Menschen aufklären, der jede Menge Dreck am Stecken hatte? Ist es nicht gut, dass so jemand weg ist vom Fenster? Eine besondere Bedeutung bekommt dabei auch Elena (Sylvie Testud), die gehörlose Frau Kühnerts.
 
Testud, einst als Lara in Carolin Links "Jenseits der Stille" die hörende Tochter eines gehörlosen Paares, spielt Elena mit einer spröden Unnahbarkeit, vor der jede ihrer seltenen Gesten besonders bedeutsam erscheinen. Überhaupt holt Fromm hier aus seinen Schauspielern eine Menge heraus. Ihre Leistungen geben der Geschichte jene Dichte, die ihr zusätzlich zu ihrem traurigen Thema trotz Schwächen im Aufbau - das Ganze hätte doch noch etwas mehr Dichte und Tempo vertragen können - eine hohe Spannung verleiht.
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