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TV-Kritik: "Mord ex Machina": Wenn ein „Tatort“ mit Gewalt belehren will

Von In der ersten Hälfte hat der "Tatort" unserem TV-Kritiker noch ganz gut gefallen, doch dann schob sich der aufklärerische Anspruch, den die ARD mit dieser Geschichte verbinden will, wie ein riesiger Klotz in die Handlung.
Welche Rolle spielt die Hackerin Natascha Natascha Tretschok (Julia Koschitz) beim Tod von Sebastian Feuerbach im Tatort "Ex Machina"? Bild: SR/Manuela Meyer Foto: (SR-Kommunikation) Welche Rolle spielt die Hackerin Natascha Natascha Tretschok (Julia Koschitz) beim Tod von Sebastian Feuerbach im Tatort "Ex Machina"? Bild: SR/Manuela Meyer

Schon wieder ein „Tatort“ für Technik-Affine? Sieht ganz so aus. Wenn im TV-Krimi gecybert wird, gibt es da nämlich ein paar Bildeinfälle, die unbedingt mit rein müssen. Da schleicht sich die Kamera an Finger heran, die sich wiederum an eine Tastatur heranschleichen. Da dürfen die Schauspieler wie gebannt auf dunkle Bildschirme starren, auf denen irgendwas Buntes aufleuchtet, wo sich ihre Gesichter spiegeln und wo es schillert und glitzert oder plötzlich etwas aufploppt. Gut nur, dass hier Kommissar Stellbrink auch einmal "Scheiß Computer" brüllen darf.

"Tatort" verpasst? Hier gibt es ihn in der Mediathek

Selbst die Mordwaffe ist hier hochtechnisch: ein selbstfahrendes Auto mit Kameras im Innenraum, das seinem Passagier Blutdruck und Promille misst. Wie in "Zurück in die Zukunft IV", stellt ein Kriminaltechniker später fest. Was Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski), Mitinhaber eines Cyber-Unternehmens, aber auch nichts hilft: Als er in dem Wagen sitzt, rast ihn das Auto vom Parkdeck seiner Firma in den Tod. Und die Daten, die das Todesauto eigentlich gesammelt haben müsste, sind spurlos verschwunden.

Ein Fingernagel als Beweis

Der abgerissene Fingernagel des Toten im Auto beweist Stellbrink, dass Feuerbach noch verzweifelt versucht hatte, die Tür zu öffnen: Selbstmord scheidet also aus. Das Unternehmen Feuerbachs, das er zusammen mit einem Partner führt und das sich auf das Sammeln von digitalen Daten spezialisiert hat, wurde zudem in dessen Todesnacht gehackt. War es die attraktive Hackerin Natascha Tretschok (Julia Koschitz)?

Mit dem vorletzten Stellbrink-"Tatort" – der letzte Fall "Der Pakt" kommt erst im nächsten Jahr – will das Erste aber vor allem "auf beklemmende Art und Weise von den Abgründen, die die digitale Technik mit sich bringt", erzählen. Womit natürlich die Türen für einen Thesen-"Tatort" sperrangelweit offen stehen. Leider schafft es "Mord ex Machina" nicht, diese Falle halbwegs elegant zu umgehen. Und das wird besonders deutlich ab der zweiten Hälfte der Geschichte.

In seiner ersten Hälfte funktioniert der Krimi im Prinzip nicht schlecht: Nach der etwas zu langen Einleitung bringt Regisseur Christian Theede die Geschichte vor allem optisch zum Laufen. Die ausgefeilte Ästhetik dank der Kamera von Simon Schmejkal und die fast schon hypnotische Musik von Dominik Giesriegl, Thomas Hessler und Friedrich Weiß, dazu einige gut pointierte Dialoge und geschickt verstreute Andeutungen machen kräftig Appetit auf Fortgang und Auflösung.

Auch hohe Politik kommt vor

Doch dann schiebt sich der aufklärerische Anspruch, den die ARD mit dieser Geschichte verbinden will, immer mehr wie ein riesiger Klotz in die Handlung. Das hat noch keinem Film gutgetan und schon gar keinem Krimi. Es knirscht im dramaturgischen Gebälk und vor allem die Dialoge fasern immer mehr aus. Dabei geht es unter anderem um hohe Politik bis hin zu Brexit und die Wahl Donald Trumps, aber viel zu wenig um die Geschichte an sich.

Besonders charakteristisch für dieses Problem ist eine ausgedehnte Szene mit dem Besuch Stellbrinks bei Natascha Tretschok. Dabei deckt sie verschiedene dunkle Stellen in dessen Biographie auf, die sie herausgefunden hat: Epilepsie und Sterbehilfe. Dinge, die mit der Haupthandlung an sich überhaupt nichts zu tun haben. Das Problem des Films ist, dass er seine Botschaft nicht mit lässiger Beiläufigkeit äußert, sondern sie auf einem riesigen Plakat vor sich herträgt. Deswegen muss Stellbrink am Ende auch sein Smartphone von sich schleudern und wieder auf faltbare Pläne zurückgreifen.

Bis dahin ist der "Tatort" aber schon längst auseinander gefallen. Die Krimihandlung samt Auflösung kann ebenfalls nicht mehr überzeugen. Immerhin gibt es noch ein paar fesselnde Momente, und Julia Koschitz als androgyne und manipulative Femme fatale bügelt auch noch was aus. Dennoch scheitert "Mord ex Machina" daran, dass er mit Gewalt zusammenfügen will, was nicht zusammenpasst.

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