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TV-Kritik: "Nie mehr wie es war": Kuckuckskind als familiäre Bombe

Von Wie reagiert ein Mann, wenn er erfahren muss, dass er nicht der leibliche Vater seines geliebten Sohnes ist? Der ZDF-Film gestaltet daraus ein durchwachsenes Drama.
Tomas Frese (Fritz Karl, M.) zeigt zwei Kaufinteressenten das Lokal, das er zusammen mit Nike (Christiane Paul, l.) führt. Seine Frau ignoriert er weitgehend. Foto: Erika Hauri Tomas Frese (Fritz Karl, M.) zeigt zwei Kaufinteressenten das Lokal, das er zusammen mit Nike (Christiane Paul, l.) führt. Seine Frau ignoriert er weitgehend.
Es ist ein Moment, der Thomas (Fritz Karl) den Boden unter den Füßen wegzieht. Beim Suchen nach einem alten Zeugnis stößt er auf ein altes Ultraschallbild seines Sohnes Milan (Matti Schmidt-Schaller) mit einem unpassenden Datum. Er kann, wie er nachrechnet, unmöglich der Vater des Kindes sein: Zum Zeitpunkt der Zeugung waren er und seine Frau Nike Frese (Christiane Paul) Hunderte von Kilometern auseinander.
 
Ein heimlicher Gentest, den ein Arzt und enger Freund für ihn durchführen lässt, bringt Gewissheit: Milan, den er jahrelang liebevoll mit aufgezogen hat, der Junge, den er stets als einen Teil seines Lebens angesehen hat und mit dem er ein ziemlich kumpelhaftes Verhältnis pflegt – dieser Milan ist nicht sein leiblicher Sohn. Seine Frau hatte zum fraglichen Zeitpunkt ein Verhältnis zu ihrem charismatischen Politologie-Professor.
 

Vom Misstrauen zum Scherbenhaufen

 
Das Testergebnis platzt wie eine Bombe in die behaglich-bürgerliche Existenz der Familie. Thomas hat zwar auch mal Abitur gemacht und Jura studiert, doch jetzt betreibt er eine gutgehende Musik-Kneipe. Nike zeigt sich mehr als der intellektuelle Typ. Sohn Milan interessiert sich kaum noch für die Schule und will sich lieber voll und ganz der Musik widmen. Gängige innerfamiliäre Differenzen halt. Doch jetzt ist alles ein Scherbenhaufen, auch die Probleme von früher.

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Besonders in der ersten Hälfte ist Regisseur Johannes Fabrick ein bemerkenswert dichtes und spannendes Familiendrama gelungen. Und das nicht nur durch den zügig erzählten Einstieg: Fabrick holt besonders aus Fritz Karl und Christiane Paul alles heraus. Karl profitiert dabei besonders davon, dass sich Thomas anfangs als lässiger und unkomplizierter  Genießer konzipiert zeigt, der das Schulschwänzen seines Sohnes eher mit einer gewissen Nachsicht betrachtet.
 

Stolz gegen Schuldbewusstsein

 
Die Selbstsicherheit, die Fritz Karl dabei ausstrahlt – man beachte sein Spiel in den gemeinsamen Szenen mit Milans Lehrerin - macht auch Thomas‘  Wut und seine Reaktion nach der Aufdeckung von Nikes Seitensprung glaubhaft. Dabei kontrastiert Thomas‘ verletzter Stolz überaus wirkungsvoll mit Nikes verheultem Schuldbewusstsein. Und kaum eine andere Schauspielerin bringt es so intensiv fertig, mit ihrem Mienenspiel eine derart intensive Spannung auszustrahlen wie Christiane Paul.
 
Das Drehbuch liefert dazu den passenden Hintergrund: Thomas reagiert sich in einem regelrechten Amoklauf ab gegen alles, was seine bisherige Existenz so angenehm gestaltete. Haus, Kneipe, Ehe – alles soll Vergangenheit werden. Nur das Verhältnis zu Milan bleibt noch halbwegs ambivalent. Leider aber verliert die Geschichte gegen Ende das aus den Augen, was eigentlich die Spannung die ganze Zeit besonders hochgehalten hat, nämlich das Verhältnis zwischen Thomas und Nike.
 

Thomas zwischen zwei Frauen

 
Dabei gäbe es zwischen den beiden doch jede Menge Stoff. Da wäre die Andeutung, dass Nike sich erst später wirklich in Thomas verliebte oder ihre jahrelange Mitarbeit in der Kneipe, mit der sie zu seinem Erfolg als Gastronom beigetragen hat. Und seinerseits vielleicht ein Hin- und Hergerissen-Sein zwischen Nike, seiner nach einem sehr lange zurückliegenden Seitensprung treuen Partnerin, und einer neuen Frau, in deren Armen Thomas Trost, Selbstbestätigung und das prickelnde Gefühl eines völligen Neuanfangs gefunden hat.
 
Leider beschränkt sich das Drehbuch darauf, diese Themen bestenfalls anzureißen. Stattdessen biegt der Plot ab auf einen völlig neuen Handlungsstrang, in welchem Milan seinen mittlerweile an Demenz leidenden leiblichen Vater aus dem Heim entführt.  Was aber weder schlüssig noch glaubwürdig rüberkommt. Auch Milans Flucht und die panische Suche von Thomas und Nike nach ihm sind bestenfalls eine Ersatzlösung.
 
Durch diese Entwicklung der Handlung kommen auch Christiane Paul und Fritz Karl nicht mehr wirklich zur Geltung: Vorher fesselte das Zusammenspiel der beiden deutlich stärker. Ein wenig befriedigendes Ende für einen so starken Anfang.  
 
 
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