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"Polizeiruf 110": Zeit der Wölfe

Der "Polizeiruf 110" faszinierte durch seine Optik, aber Handlung und Dramaturgie zeigten erhebliche Schwächen.
Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ermitteln gemeinsam den Tod einer jungen Frau durch angebliche Wolfsbisse. Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ermitteln gemeinsam den Tod einer jungen Frau durch angebliche Wolfsbisse.

Ein Sonntagabend-Krimi als Gruselmärchen? Klar, warum nicht! Dass so was sehr ordentlich funktionieren kann, hat schon der Kieler "Tatort" mit "Borowski und der stille Gast" und die noch wesentlich gelungenere Fortsetzung "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" bewiesen. Der von Lars Eidinger verkörperte psychopathische Mörder Kai Korthals hat wesentlich mehr Ähnlichkeit zu einer übernatürlichen Bedrohung wie Dracula als zu einem konventionellen "Tatort"-Bösewicht.
 
"Wölfe" verfügt im Prinzip über einen ähnlich märchenhaften Charakter. Hat Kommissarin Constanze Herrmann (Barbara Auer) tatsächlich einen Werwolf gesehen? Oder lag das an den neun Gin-Tonic, den die eigentlich trockene Alkoholikerin in der Dorfkneipe zuvor zu sich genommen hatte? Jedenfalls ist jetzt eine Frau tot, deren Gesicht durch Wolfsbisse entstellt ist. Und das muss ein sehr großer Wolf gewesen sein, wie der Zoologe Dr. Wiesinger (Sebastian Hülk) nach der Obduktion der Leiche behauptet.
 

Vorgetäuschte Wolfsbisse

 
Zusammen mit ihrem in sie verliebten Kollegen Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) nimmt Hermann die Ermittlungen auf. Könnte ein türkischer Hundezüchter, der mit den rechtsextremen Grauen Wölfen Verbindung hatte, etwas mit dem Tod der Frau zu tun gehabt haben? Am Ende stellt sich indessen Wiesinger als Täter heraus, der an einer Entstellung des Gesichts und darum an schweren psychischen Problemen leidet. Er hat die Wolfsbisse mit einem nachgebauten Riesengebiss nur vorgetäuscht.
 
Wiesinger hat ein literarisches Vorbild: In dem Roman "Till Ulenspiegel" des flämischen Autors Charles de Coster, der in der Zeit der spanischen Besatzung Flanderns im 16. Jahrhundert spielt, gibt es die Figur des Josse Grypstuiver, einem geldgierigen Fischhändler, der den Vater des Helden an die Inquisition denunziert. Später betätigt sich Grypstuiver als Raubmörder an jungen Mädchen, wobei er mit einem mit Zähnen ausgerüsteten Waffeleisen die Bisse eines Werwolfs vortäuscht, und wird dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 
 

Anklänge an Märchen und Schauerromantik

 
Grypstuiver hat trotz seiner Widerwärtigkeit eine gewisse tragische Dimension, denn wegen seiner Hässlichkeit wollte keine Frau etwas von ihm wissen, nicht einmal gegen Bezahlung. Coster lässt dieses Potential zur Tragik zwar weitgehend ungenutzt, aber Christian Petzold, der "Wölfe" schrieb und inszenierte, bringt dieses ungenutzte Potential in die Figur des Dr. Wiesinger ein. Die Figur passt ausgezeichnet in eine Handlung, die zahlreiche Querverweise auf die Schauerromantik und die Grimmschen Märchen aufweist und das auch in liebevoll komponierte und surrealistisch angehauchte Bilder übersetzt.
 
Filmemacher wie Mario Bava oder David Lynch lassen hier grüßen. Allerdings hat es im "Polizeiruf 110" mit der Verbindung zur Krimihandlung nicht wirklich geklappt. Die schier endlose Einleitung mit toter Frau und Katze war ebenso überflüssig wie das Motiv der Grauen Wölfe. Für ein handfestes Schauerstück, das Petzold hätte drehen sollen, ist der Film an vielen Stellen doch reichlich langatmig geworden. Es gibt ständig Rauch- und Trinkszenen statt Kriminalistik und echtem Grusel.
 
Der Film wirkt darum ungeachtet seiner lyrischen Qualitäten oft unausgereift. Ein Pluspunkt ist dafür die stimmige Chemie zwischen Auer und Brandt. Alles in allem kann man das Experiment mit der Schauerromantik darum gerade noch als gelungen bezeichnen.
 
Der Film in der Mediathek
 
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