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TV-Kritik: "Schweigeminute": Koschitz als ideale Verführerin

Von Verbotene Liebe zwischen Lehrerin und Schüler vor wildromantischem Hintergrund: Das hätte auch einen tollen Kinofilm ergeben.
Nach dem verhängnisvollen Unfall beim Segeln zieht Christian Voigt (Jonas Nay) seine schwer verletzte Lehrerein Stella Petersen (Julia Koschitz) aus dem Wasser. Foto: ZDF und Hannes Hubach Nach dem verhängnisvollen Unfall beim Segeln zieht Christian Voigt (Jonas Nay) seine schwer verletzte Lehrerein Stella Petersen (Julia Koschitz) aus dem Wasser.
Manche Blicke sagen einfach mehr als ein ganzes Drehbuch. Wie etwa der zwischen Stella Petersen (Julia Koschitz) und Christian Voigt (Jonas Nay) in der kleinen Hütte auf der Vogelinsel. Dieses vorsichtige Andeuten, Spielen der Frau, das ängstliche Forschen und Abwägen des jungen Mannes. Er hat die Situation zwar herbeigeführt, aber jetzt fürchtet er sich vor dem, was da kommen könnte, obwohl er es herbeisehnt. Denn so reizvoll Stella Petersen auch erscheint: Sie ist nicht nur älter als er, sie ist seine Englischlehrerin.
 
"Schweigeminute" heißt der Roman von Siegfried Lenz, den das ZDF nun endlich filmisch bearbeitet hat. Schon Bernd Eichinger wollte den Bestseller auf die Leinwand bringen. Kein Wunder, bot das Buch doch alles, was das Herz des geneigten Lesers begehrt: Der Roman erzählt vom Verführt- und Erwachsenwerden und kombiniert das mit dem Motiv der verbotenen Liebe. Der Film kostet diese Themen weidlich aus. Der Film spielt um 1960, als Deutschland die graue Nachkriegszeit endgültig überwand.
 

Liebevolle Nostalgie

 
Stella Petersen, die Englischlehrerin mit dem englisch klingenden Namen und dem  jugendlich-frechen Kurzhaarschnitt wirkt wie ein Bote der kommenden Zeit des Erwachens. Produzent Oliver Berben hat diese späte Adenauer-Ära mit ihren Kostümen, ihrer Musik und ihren Autos liebevoll rekonstruiert. Sie wirkt aber bei aller Nostalgie schon todgeweiht wie auch Stella Petersen selbst, denn wie die Geschichte ausgeht, zeigt "Schweigeminute" schon zu Beginn: Eine Rahe trifft Stella bei einem Segelmanöver am Kopf und sie stürzt ins Wasser.
 
Christian zieht sie heraus, aber sie stirbt an ihren Verletzungen. Wäre es nicht so traurig, wirkte es fast wie ein Witz: Ausgerechnet Stella, der Verführerischen, Nixenähnlichen, der Frau, die sich an der Vogelinsel so unkompliziert ins Wasser stürzte – fast so unkompliziert, wie sie dann an Land Christian verführt -  wird schließlich das Meer zum Verhängnis. Als nach ihrem Tod ihre Asche ins Meer gestreut wird, erinnert das auch ein wenig an das Ende der kleinen Seejungfrau in dem Märchen von Hans Christian Andersen: Diese wird zu Schaum.
 

Bilder voller Symbolgehalt

 
Auf dem Wasser bei einer Bootsfahrt sind sich zuvor Stella und Christian auch erstmals nähergekommen kennen.  Das Meer als Metapher für das Verborgene, Verdrängte, Verbotene: Ein Bild, das so alt ist wie das Kino selbst. Überhaupt die Bildsprache: Wie Kameramann Hannes Hubacher den Drehort Bornholm vor die Linse geholt hat, ist schon beeindruckend. Besonders eindringlich trotz aller Zurückhaltung gelangen ihm die Liebesszenen zwischen Koschitz und Nay.
 
Mit Julia Koschitz wurde Stella Petersen natürlich vorzüglich besetzt. Man könnte meinen, Lenz hätte diese Figur, ja die ganze Geschichte extra für sie geschrieben. Die Bildsprache wirkt oft so ausdrucksvoll und die Schauspieler agieren so überzeugend, dass es die Erläuterungen Christians als kommentierender Erzähler gar nicht gebraucht hätte. Sie wirken in den ansonsten rundum gelungenen Film ein wenig befremdlich. Wollten die Macher damit die literarischen Wurzeln der Geschichte noch einmal betonen?

Den Film in der ZDF-Mediathek ansehen.

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