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TV-Kritik: "Schwerkraft": Putin an der Leine

Von Ein Bankangestellter verfällt dem kriminellen Rausch der Gewalt. Insgesamt zwar sehenswertes Debüt von Erlenwein, aber "Stereo" ist noch weit besser.
Vince (Jürgen Vogel) und Frederik (Fabian Hinrichs) werden in der Wohnung ertappt, in die sie kurz zuvor eingebrochen sind. Foto: Stephanie Kulbach Vince (Jürgen Vogel) und Frederik (Fabian Hinrichs) werden in der Wohnung ertappt, in die sie kurz zuvor eingebrochen sind.
Ein Mann lauert nachts auf eine attraktive Frau: Die beiden waren einst ein Paar, wollten gemeinsam nach Island reisen, haben sich aber wieder getrennt. Über diese Trennung ist der Mann nie hinweggekommen, doch er will der Frau nichts tun, er fotografiert sie nur heimlich und betrachtet nachher in seiner Wohnung ihre Bilder. Der Mann heißt Frederik (Fabian Hinrichs) und ist Bankangestellter. Sein Leben gerät aus den Fugen, als sich vor seinen Augen ein Kunde, dem er einen Kredit aufgeschwätzt hat, in den Mund schießt.
 
Sein Chef beruhigt ihn aber: Er habe völlig im Sinne der Bank gehandelt. Als Frederik in einem Laden eine CD stehlen will, trifft er seinen alten Kumpel  Vince (Jürgen Vogel) wieder. Der hat eine Weile wegen diverser Verbrechen im Knast gesessen und schlägt sich jetzt mühevoll als Arbeiter an einer Laderampe durch. Bald braucht will Frederik jedoch größere Dinger drehen und braucht die Hilfe des erfahrenen Kriminellen Vince. Die beiden starten eine Einbruchserie an Kunden der Bank, und der bis dahin angepasste Angestellte gerät in einen gefährlichen Rausch aus Kriminalität und Gewalt.
 

Nora von Waldstätten als Pluspunkt

 
Neben her nähert sich Frederik mit gestiegenem Selbstbewusstsein auch wieder seiner Ex-Freundin Nadine (Nora von Waldstätten)an. Das vom Ngo The Chau (Kamera) gewohnt elegant fotografierte Regiedebüt von Maximilian Erlenwein konzentriert sich vor allem auf das Trio Frederik – Vince – Nadine. Der Hintergrund bleibt sparsam, düster, trist, wobei sich das Bild vor allem auf die Gesichter der Schauspieler Hinrichs – Vogel – Waldstätten. Das verleiht der Szenerie etwas Stilisiertes, funktioniert aber durch die sehr guten Schauspieler. Insbesondere Nora von Waldstätten beweist, dass sie mit ihrer Nullmimik in der Krimi-Reihe "Die Toten vom Bodensee" deutlich unterfordert war.
 
Der Wechsel von Frederik vom weißen zum schwarzen Hemd deutet es an: Sein Träger hat keine Lust mehr, sich nur als Weiße-Kragen-Täter zu betätigen. Sein im wohlwollender Chef weißt ihn vergeblich darauf hin. Dieser Chef könnte Frederik wie das Endprodukt von vielen Jahren als Bankangestellter erscheinen: mächtiger als Frederik zwar, aber auch ein eher trauriger und verklemmter Wicht, der seine Homosexualität verstecken muss. So wie auch Frederik am Anfang seine Leidenschaft für Nadine aus der Dunkelheit heraus betreibt.

Film verpasst? Hier geht´s zu "Schwerkraft" in der ZDF-Mediathek

Die Faszination der Gewalt

 
Der Film ist im Wesentlichen ein Psychogramm Frederiks. Die Entwicklung seines Hauptcharakters vom angepassten Banker zum Kriminellen zeigt er auf Frederik bezogen plausibler als in der Krimi-Logik: Wenn Vince Frederik etwa mit dem Baseballschläger auf herumlungernde Männer losgehen sieht, weil das zur Ausbildung gehört, ist das einerseits kaum nachvollziehbar: Die beiden würden sich im richtigen Leben eher so unauffällig wie nur möglich verhalten. Aber es zeigt auf, wie Frederik der Faszination der Gewalt erliegt. Anfänglich kauft er noch einem Hehler dessen Hund Putin ab, um eine aufgeladene Situation zu entschärfen.
 
Der Rausch der Grenzüberschreitung wird allmählich nicht nur zu seinem Lebenselixier, es macht ihn auch für eine Kollegin attraktiv. Eine Geschichte von Vince und dessen Freundin erscheint dabei eher nachlässig in die Haupthandlung integriert. Dieser Erzählstrang wirkt ein bisschen wie angepappt, was die Qualität des Films deutlich mindert. Insgesamt erscheint das Debüt von Maximilian Erlenwein (Drehbuch und Regie) zwar noch gelungen, aber in seinem nächsten und bisher letzten Film "Stereo" konnte er sich im Vergleich zu seinem Erstling noch deutlich steigern.
 
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