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TV-Kritik: "So auf Erden": Nahe am Totalausfall

Das Drama um einen freikirchlichen Prediger mit verbotenen Neigungen überzeugt nur durch drei sehr gute Schauspieler.
Johannes (Edgar Selge) und Lydia (Franziska Walser) haben den drogenabhängigen Simon (Jannis Niewöhner) bei sich aufgenommen. Mit Pflege und Gebeten versuchen sie ihm zu helfen. Foto: SWR/Eikon Südwest/Christiane Pausch Johannes (Edgar Selge) und Lydia (Franziska Walser) haben den drogenabhängigen Simon (Jannis Niewöhner) bei sich aufgenommen. Mit Pflege und Gebeten versuchen sie ihm zu helfen.
Geistliche und ihre verdrängte Sexualität: Das Thema ist uralt und half einst sogar mit, die Schauerliteratur zu begründen: hier der göttliche Auftrag, da die irdischen Begierden. Mit anderen Worten, Logos gegen Eros. Spätestens der Engländer Matthew G. Lewis hat es in seinem Buch "Der Mönch" erstmals verarbeitet, Victor Hugo in "Der Glöckner von Notre Dame" zu neuen Höhen geführt. Noch wirkungsvoller zeigt sich die Variante, wenn sich die Lust eines Klerikers auf das eigene Geschlecht und damit gänzlich ins religiös Verbotene richtet.

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So bei Johannes Klare (Edgar Selge), Pastor und charismatischer Prediger einer freikirchlichen Gemeinde in Stuttgart, seiner geistlichen Berufung ebenso treu ergeben wie seiner Frau Lydia (Franziska Walser, die auch in Wirklichkeit mit Selge verheiratet ist). Die Begegnung mit Simon (Jannis Niewöhner), einem drogenabhängigen Musiker, verändert sein Leben nachhaltig. Zuerst wollen er und seine Frau Simon nur von dessen Drogenabhängigkeit heilen. Dann entdecken sie, dass Simon homosexuell ist.

Die eigentliche Geschichte beginnt viel zu spät

Diese Entdeckung wirft besonders  Johannes nachdrücklich aus der Bahn. Simon weckt Wünsche in ihm, denen er trotz aller Gebete nicht widerstehen kann. Bis dahin erscheint der Film eher als konventionelles Pfarrer- oder Helferdrama, das nur durch den freikirchlichen Hintergrund eine gewisse Originalität erhält. Es geht vor allem um den Bau eines Zentrums und Geld, das ein Angehöriger der Gemeinde unterschlagen hat. Und um Simons Entzug und sein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater.
 
Der Zuschauer steht deswegen ein wenig ratlos vor dem ziemlich unvermittelten Handlungsschub, den die Geschichte durch eine bei aller Zurückhaltung sehr intimen Begegnung zwischen Johannes und Simon bekommt. Zuvor deutet an Johannes nur wenig darauf hin: kaum verstohlene Blicke, keine nächtlichen wollüstigen Träume. Es zeigt sich als ein wesentlicher Schwachpunkt des Films, dass er sein eigentliches Thema erst nach der ersten Hälfte seiner Laufzeit wirklich zur Sprache bringt.
 
Vergebung ohne echten Konflikt
 
Und was danach kommt, ist bestenfalls halbwegs passabel: Johannes muss sich nicht nur mit seiner Frau – der er seinen schwulen Seitensprung umgehend beichtet -  sondern auch mit seiner Gemeinde auseinandersetzen. So richtig befriedigen kann das allerdings nicht. Die Geschichte eiert eher unschlüssig um das Thema herum, als hätten Drehbuch und Regie ähnlich ihrer Hauptfigur nicht wirklich gewusst, wie sie diese Konflikte verarbeiten sollen.
 
So ergibt sich etwa eine Exorzismus-Szene, die Johannes aber aus eigenem Antrieb wieder abbricht. Einerseits ist da etwas in Johannes, vor dem er nicht länger weglaufen will: Das klingt, als würde er sich nicht nur von seiner Funktion als Prediger, sondern auch von seiner Frau trennen und künftig schwul leben wollen. Andererseits ist dann viel von Verzeihung und Vergebung die Rede, ohne dass sich Johannes und Lydia je darüber austauschen, wie er sich den Umgang mit seiner Homosexualität künftig vorstellt.

Kernthema sträflich vernachlässigt

Schließlich geht es in diesem Fall um weit mehr als nur einen Fehltritt und die damit verbundene Kränkung des Partners:  War nicht sein ganzes bisheriges Leben samt seiner Ehe eine gewaltige Selbsttäuschung? Ist er nun schwul oder steht er auf beide Geschlechter? Wie kann Lydia überhaupt damit umgehen, dass sie von ihrem Mann möglicherweise nie wirklich begehrt worden ist? Statt sich aber wirklich auf seine Hauptfigur einzulassen, verplempert der Film viel Zeit mit Diskussionen über Kinds- und Erwachsenentaufe samt Taufszene gegen Ende, was überhaupt nicht interessiert.
 
Edgar Selge, Franziska Walzer und Jannis Niewöhner können mit bemerkenswertem schauspielerischem Einsatz im richtigen Moment die erheblichen inhaltlichen Mängel des Films ein wenig ausgleichen. Als Drama um einen Homosexuellen, der seine Neigung nicht länger verdrängen will, kommt "So auf Erden" aber trotz einiger guter Szenen nicht annähernd an "Schrei nach Liebe" mit Jürgen Prochnow heran. Und dieser Film ist schon fast zwanzig Jahre alt.
 
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