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TV-Kritik: "Strampeln, schuften, abgehängt": Das Wichtigste fehlt

Es gärt in Deutschlands Mittelschicht und dieser Film zeigt warum. Eine wesentliche Ursache für die Probleme bleibt aber ungenannt.
Eine Berliner Schule , nicht kurz nach dem Krieg , sondern im Jahr 2017. Seit 50 Jahren wurde hier nichts getan. Gerüste schützen die Schüler, damit ihnen nicht der Putz auf den Kopf fällt. Foto: Michael Donnerhak Eine Berliner Schule , nicht kurz nach dem Krieg , sondern im Jahr 2017. Seit 50 Jahren wurde hier nichts getan. Gerüste schützen die Schüler, damit ihnen nicht der Putz auf den Kopf fällt.
Der Titel fasst das Problem oder besser die Symptome gut zusammen: Deutschlands Mittelschicht fängt an zu grollen. Es betrifft die unterschiedlichsten Berufsgruppen, und der Film von Rita Knobel-Ulrich stellt einige davon vor. Da sind etwa Polizisten in Berlin. Sie haben in den letzten Jahren erlebt, dass der Respekt vor der Polizei als Ordnungsmacht massiv abgesunken ist. In sozialen Brennpunkten neigen Kleinkriminelle immer stärker zur Frechheit bis offener Gewalt gegen die Gesetzeshüter.
 
Konsequenzen müssen die Täter kaum fürchten: Immer wieder treffen die Polizisten Kriminelle, die sie erst kurz zuvor festgesetzt haben. Von der Justiz fühlen sie sich im Stich gelassen. Aber das ist noch nicht ihr ganzes Problem: Finanziell haben sie oft schwer zu kämpfen. Wer als Polizist in Berlin Miete zahlen, einen Platz im Kinderhort finanzieren und ein Auto instand halten muss, gerät schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten.

Kritik kommt nur leise

Die Wut gärt – doch die Polizisten lassen nur selten etwas davon heraus. Zu groß ist die Angst, die Konsequenzen allzu großer Offenheit zu spüren, indem man bei der nächsten anstehenden Beförderung übergangen wird. Nur ein Polizist äußert sich freier, aber mit unkenntlichem Gesicht. Viele Polizisten versuchen mit zusätzlichen Nebenjobs über die Runden zu kommen, etwa als Fitnesstrainer.
 
Der Arbeiter, der Angestellte: Deutschlands Wirtschaft boomt, aber an einem Großteil derer, die mit ihrer Arbeit zum Jobwunder beitragen, gehen die Früchte vorbei. Lehrer hangeln sich von befristeter Anstellung zu befristeter Anstellung. In den Sommerferien sind viele arbeitslos. Von einer Verbeamtung wie früher können sie meist nur träumen, von einer Familienplanung ebenso. Wer Mathematik oder naturwissenschaftliche Fächer unterrichtet, verfügt über bessere Perspektiven.

Die Schulen verrotten

Aber was die Dokumentation nicht erwähnt: Dafür müssen Lehramtsstudenten erstmal die nötige Eignung mitbringen. Allerdings kämpfen auch Schulen mit allgemeinem Geldmangel. Die Strukturen verrotten, für Renovierung ist kein Geld da. Von einer Berliner Schule ist großflächig der Putz heruntergefallen, letztmalig wurde hier vor etwa dreißig Jahren etwas investiert. Hätten Eltern von Schülern nicht zur Selbsthilfe gegriffen, sähe es noch schlimmer aus.
 
Rita Knobel-Ulrich liefert in ihrer nur halbstündigen Dokumentation bemerkenswert dichte Impressionen von Verarmung, Verfall und Wut. Wobei sie aber eine wesentliche Ursache des Problems ausblendet: Die Politik der EZB. Die Flut an billigem Geld hat seit der schrankenlosen Öffnung der Geldschleusen im Jahr 2008 auf die zuvor schon bestehenden Probleme durch die "Reformen" Gerhard Schröders wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.

Die EZB bleibt ausgeblendet

Das Geld floss kaum in die Realwirtschaft, trieb aber die Preise für Aktien, Immobilien alles, womit sich spekulieren lässt, in groteske Höhen. Die Löhne und Gehälter stiegen dagegen kaum oder gingen sogar massiv zurück: Das betrifft besonders Arbeitnehmer, die zuvor als Festangestellte beschäftigt waren und die entlassen und als Leiharbeiter weiterbeschäftigt wurden. Genau das macht es vielen jungen Menschen auch immer schwieriger, sich eine Existenz aufzubauen und auf eigenen Füßen zu stehen.
 
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