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TV-Kritik: "Tannbach": Die Deutschland-Saga geht weiter

Der kalte Krieg wird intensiver, die Abschottung der beiden Dorfhälften immer undurchdringlicher. Der ZDF-Mehrteiler spielt auch weiterhin seine Qualitäten aus.
Anna Erler (Henriette Confurius, r.) versteht nicht, warum ihr Mann Friedrich (Jonas Nay, l.) plötzlich an ihren gemeinsamen Zielen zweifelt. Bild: ZDF und Julie Vrabelova Foto: Julie Vrabelova Anna Erler (Henriette Confurius, r.) versteht nicht, warum ihr Mann Friedrich (Jonas Nay, l.) plötzlich an ihren gemeinsamen Zielen zweifelt. Bild: ZDF und Julie Vrabelova
Frankfurt. 

Die Idee war so simpel wie bestechend: Anhand eines einzigen Dorfes ein Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgeschichte zu zeichnen. Ein Dorf, durch das mitten hindurch der Eiserne Vorgang verläuft und in dem sich wie in einem Brennglas zentriert nicht nur zwei Machtblöcke, sondern auch zwei Weltanschauungen gegenüberstehen. Kapitalismus versus Kommunismus, Mangelwirtschaft gegen Massenkonsum, Trabbi gegen chromblitzenden Ponton-Mercedes. Eines der Symbole des sozialen Aufstiegs der Adenauer-Ära, das als Wagen des Grafen Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) auch einen Gastauftritt bekommt.

Daneben menschelt es reichlich in dem Grenzort zwischen Bayern und Thüringen. Die "Tannbach"-Macher haben sich eine ganze Reihe schillernder Kalter Krieg-Charaktere ausgedacht: Da ist der Nazi, der sich umgehend geschmeidig an die neuen Verhältnisse anpasst, im Osten wie im Westen. Da ist der idealistische Jungkommunist, der an die Versprechungen des DDR-Regimes glaubt und beinahe verzweifelt versucht, den widerspenstigen Bauern die Segnungen der neuen Zeit schmackhaft zu machen.

Der Mörder der Frau als Mitarbeiter

Da ist der Vertreter des Adels und damit im Grunde noch des 19. Jahrhunderts, der einen ehemaligen SS-Angehörigen und Mörder seiner Ehefrau plötzlich als Verbündeten akzeptieren soll. Und da spielen neben der großen Weltpolitik mit langsamem Aufschwung hier und Zwangskollektivierung dort auch viele kleinere und größere Tragödien mit hinein. Etwa, wenn ein Enkel durch eine Granate zerrissen wird. War es eine Wehrmachtsgranate aus dem Zweiten Weltkrieg oder stammte die todbringende Bombe aus einem Waffenlager der Nato?

Anteilnahme auf der anderen Seite durch den Zaun ist unerwünscht: Die beiden Hälften des Dorfes, werden einander stellvertretend für die beiden Hälften Deutschlands immer fremder. Das und noch vieles mehr bis zur Eifersucht und erotischen Verstrickungen spielen eine wichtige Rolle im vierten, fünften und sechsten  Teil der Tannbach-Saga. Und es erscheint schon fast wie ein Wunder, dass der Zuschauer bei der Fülle an Figuren weder den Überblick noch das Interesse verliert, im Gegenteil.

Deutschland immer wieder neu betrachtet

Was in einem konventionellen Spielfilm als eine massive Schwachstelle zeigen würde, entpuppt sich hier auch im vierten Teil als eine der großen Stärken: Der Zuschauer wird dadurch ständig gezwungen, die Perspektive zu wechseln und das Deutschland des Jahres 1960 durch die Augen der Zeitgenossen zu sehen. Es geht um das Leben der Normalbürger, in welchem sich die Weltgeschichte spiegelt: Die große Welt, die durch das Fernsehen in deutsche Wohnstuben geliefert wird.

Ähnlich wie heute, nur dass das damals noch in Schwarzweiß geschah.  Explosionen von Atombomben auf dem Bildschirm wecken Ahnungen von dem endgültigen Grauen, dem Leben im Schatten des nuklearen Holocausts. Das hält die Spannung so hoch wie ein gut gebauter Krimi. Die andere Stärke von "Tannbach" – neben der überaus akkuraten Ausstattung - besteht darin, dass sich die Reihe in Zurückhaltung übt, was die Aussage betrifft.

Der Film konzentriert sich nicht auf eine Intention, sondern auf seine Figuren. Statt um Weltpolitik geht es um Persönliches. Der Zuschauer, soweit er diese Zeit nicht mehr erlebt hat, kann sich selbst ein Bild machen und ein Urteil bilden.  Und dass das gar nicht so einfach wird, ist auch ein Verdienst der hervorragenden Schauspieler, die ihren Figuren zusätzlich einen bemerkenswerten Facettenreichtum verleihen.  Die weiteren Teile sendet das ZDF an Mittwoch und Donnerstag.

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