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TV-Kritik: Tatort "Das verlorene Mädchen": Starkes Thema an die Wand gefahren

Von Gute Ansätze, aber die sprunghafte und chaotisch erzählte Handlung wird dem brisanten Thema Salafismus kaum gerecht.
Julia Heidhäuser (Mala Emde, Mitte) sucht Schutz bei den Kommissaren Klaus Borowski (Axel Milberg, li.) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli, re.). Foto: NDR/Christine Schroeder Julia Heidhäuser (Mala Emde, Mitte) sucht Schutz bei den Kommissaren Klaus Borowski (Axel Milberg, li.) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli, re.).
Islamismus, Gotteskrieger und Salafisten als "Tatort"-Thema? So was weckt schon vorher gemischte Gefühle. Man denkt da "Zorn Gottes", den bisher letzten Beitrag um Kommissar Thorsten Falke, der sich um ein islamistisches Attentat drehte. Leider setzte er sein Thema durch Mangel an Spannung, wenig stringente Handlung und oberflächliche Charakterzeichnung weitgehend an die Wand. Ähnliches, das muss man leider sagen, lässt sich auch über "Borowski und das verlorene Mädchen" sagen. Die Kieler Kommissare Klaus Borowski  (Axel Milberg) ermitteln diesmal den Tod einer jungen Frau.
 
Dabei interessieren sie sich schnell für die Schwester des Tatverdächtigen: Julia Heidhäuser (Mala Emde) zeigt sich vom Islam fasziniert und hat sich über ihre Freundin Amina Jaschar (Sithembile Menck) in einer Moschee radikalisieren lassen. Über eine Art gesprochenes Tagebuch an ihre Mutter telt sie immer wieder ihre Gedanken mit und vermittelt sie auch dem Zuschauer. Eine im Prinzip gute Idee, um nicht nur eine radikale Islam-Gruppe, sondern auch eine Gotteskriegerin von innen zu zeigen.
 

Staatsschützer als Islamist

 
Neben seinem brisanten Thema will der Krimi auch mit Stargast Jürgen Prochnow ("Das Boot") fesseln. Allerdings taucht der in der Rolle von Staatsschutz-Mitarbeiter Kersting ziemlich spät im Handlungsverlauf auf und seine Rolle erschließt sich erst gegen Ende: Er stand mit Amina Jaschar in Verbindung, die für den Staatsschutz arbeitete und deshalb von einem Salafisten ermordet wird. Auch ein radikaler Gotteskrieger, der sich scheinbar für Julia interessiert, ist in Wirklichkeit Staatsschutz-Mitarbeiter. Für sich genommen ist das noch gar keine so schlechte Zusammenstellung.

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Nur leider handelt es sich bei Julias Psychogramm nur um einen von zwei Handlungssträngen. Der andere rankt sich um die Jagd nach dem Mörder der anfangs entdeckten jungen Frau. Diese Geschichte kann kaum befriedigen, weil das Drehbuch schon die Aufdeckung sehr lieblos gestaltet und die Täterin am Ende mehr oder weniger aus dem Hut zaubert. Diese Krimi-Handlung berührt sich außerdem kaum mit Julias Psychogramm, weswegen der "Tatort" meist reichlich unvermittelt und willkürlich zwischen den Handlungssträngen hin- und herspringt.
 

Wunsch nach Regeln

 
Einigermaßen gelungen ist die Darstellung, wie sich Julia in radikale Kreise ziehen lässt und was genau sie daran fasziniert. Sie trauert um ihren Vater, sie findet keinen Halt mehr. "Ich will einen starken Gott! Ich will Regeln" sagt sie an einer Stelle. Ob man damit erklären kann, warum sich Jahr für Jahr Dutzende junge Leute radikalisieren lassen und in den Dschihad ziehen, bleibt zwar zweifelhaft. Allerdings: DEN typischen Radikal-Konvertiten dürfte es ohnehin nicht geben.
 
Mit Mala Emde ist Julia immerhin gut besetzt. Der Schockeffekt durch Julias Selbstmord am Schluss und auch die Verwendung von Musik und Geräuscheffekten überzeugt: Sie halten die auseinanderfallenden Elemente des Films wenigstens halbwegs zusammen. Als Enttäuschung erweist sich Prochnow, nicht seine Schuld: Seine schwach ausgearbeitete Rolle und nur wenige Szenen im Handlungsverlauf lassen ihm kaum Freiraum, seine Präsenz richtig auszuspielen. Auf einen wirklich guten "Tatort" über Islamisten wartet der Zuschauer also auch weiterhin. "Borowski und das verlorene Mädchen" war doch weit davon entfernt.
 
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