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TV-Kritik: Tatort "Echolot": Die digitale Verführung

Von Nicht versäumen: "Vorstadtweib" Adina Vetter als perfekter künstlicher Vamp. Dieser "Tatort" spielt hervorragend mit Motiven verschiedener Horror- und anderer Filmklassiker!
Tochter Lilly (Emilia Pieske) sucht Trost bei einem Poster mit ihrer Mutter (Adina Vetter) im Marlene Dietrich-Stil und der digitalen Assistentin Nessa. Foto: Radio Bremen/Christine Schroeder Tochter Lilly (Emilia Pieske) sucht Trost bei einem Poster mit ihrer Mutter (Adina Vetter) im Marlene Dietrich-Stil und der digitalen Assistentin Nessa.
Oh nein, schon wieder ein "Tatort", in dem sich die Kommissare mit einer sich verselbständigenden künstlichen Intelligenz messen müssen? Das gab`s doch erst kürzlich im Stuttgarter Beitrag "HAL", mit starken Anklängen an Stanley Kubricks "2001" plus ein wenig "Planet der Affen". Einerseits optisch ambitioniert, scheiterte "HAL" an seiner allzu formelhaften Geschichte, in der die Krimi- und Science Fiction-Elemente nicht so recht zusammengehen wollten. Wer deshalb mit entsprechend geringen Erwartungen an "Echolot" herabgeht, wird aber überaus angenehm überrascht.
 
Es beginnt mit dem Tod von Vanessa Arnold (Adina Vetter) durch einen Unfall. Eigentlich kein Fall für die Kripo, doch bald stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall durch Manipulationen in der Elektronik des Unfallwagens herbeigeführt wurde. Hatte jemand in Vanessas Firma "Golden Birds System" die Finger im Spiel? Dort gab es Spezialisten für Programmierung und Software-Entwicklung. Die Firma arbeitete an "Nessa", einer digitalen Assistentin – dem perfekten Ebenbild der attraktiven verunglückten Unternehmerin.
 

Die Kopie war zu gut

 
Und Nessa ist noch dazu stets gut gelaunt, aufmerksam und geduldig – und gegenüber Männern durchaus entgegenkommend. Im Grunde die perfekte Porno-Phantasie, wie die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Niels Stedefreund (Oliver Mommsen) bald feststellen, wobei sie von der leicht autistischen Computerspezialistin Linda Selb (Luise Wolfram) unterstützt werden. Entsprechend sollte Nessa wohl auch vermarktet werden, was Vanessa Arnold gar nicht gefiel. Liegt darin der Grund für den Mord? Doch am Ende kommt es anders.

Tatort verpasst? Hier geht es zur Mediathek
 
Ein Vergleich der beiden "Tatort"-Filme bietet sich nicht nur an, er drängt sich schon regelrecht auf. Und "Echolot" gewinnt ihn haushoch: Die Geschichte ist nicht nur sehr viel kompakter und dichter erzählt, sie findet auch bald zu einer eigenständigen Erzählweise und Bildsprache. Dazu gibt es leichte Anklänge an den Horrorfilm "Die Frauen von Stepford", in dem Frauen von ihren Ehemännern durch perfekt gefügige Roboter ersetzt werden: Selbst Vanessas Tochter sucht nach dem Tod ihrer Mutter Trost bei der digitalen Kopie.
 

Adina Vetter toll besetzt

 
Nessa ist ja auch, so legen es Geschichten über die verunglückte Vanessa Arnold nahe, viel einfacher im Umgang als das aufbrausende und ungeduldige Original. Eine tolle Rolle für Adina Vetter ("Vorstadtweiber"), die beide Rollen verkörpert und sich schon durch ihre grazile und leicht ins Androgyne spielende Attraktivität bestens für Nessa eignet. Vetters Erscheinung sowie ihr ausdrucksstarkes Spiel bringt die verwirrende und doppelbödige Faszination der digitalen Kunstfigur Nessa perfekt zur Geltung.
 
Regie und Buch unterstreichen das noch durch sehr clevere Einfälle, besonders wenn Adina Vetter sich auf einem Schwarz-Weiß-Poster in einem Stil wie der legendäre Film-Vamp Marlene Dietrich in "Marokko" als Dandy mit Zylinderhut präsentiert - siehe das Bild zu diesem Artikel. "Echolot" spielt auf verschiedene Weise immer wieder auf diesen vielschichtigen Frauentyp an - Frau oder Mann? Mensch oder Maschine? Vamp oder Mutter? - und gewinnt damit auch jene emotionale Komponente, an der es dem Computersystem in "HAL" so mangelte.
 
Ein künstliches Wesen – hier: die digitale Assistentin - als gefährliche Femme fatale darzustellen: Diese Idee ist zwar auch längst nicht mehr neu. Sie fand spätestens bereits Ausdruck in der Gestalt des von Brigitte Helm gespielten Roboters in Fritz Langs "Metropolis". Der entstand im Jahr 1926 und damit nicht lange, bevor Marlene Dietrich in "Der blaue Engel" ihren Durchbruch feierte. Das "Tatort"-Team hat das aber sehr schön aktuell interpretiert. Und von Adina Vetter würde man gerne bald mehr sehen.
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