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TV-Kritik: Tatort "Kartenhaus": Sehr, sehr gut

Von Rasant, schnörkellos und mit zwei herausragenden Jungschauspielern: So toll war schon lange kein "Tatort" mehr.
Erotische Anziehung mit tödlichen Folgen: Laura Hartmann (Ruby O. Fee, l.) und Adrian Tarrach (Rick Okon, r.) flüchten vor der Polizei. Foto: WDR/Martin Menke Erotische Anziehung mit tödlichen Folgen: Laura Hartmann (Ruby O. Fee, l.) und Adrian Tarrach (Rick Okon, r.) flüchten vor der Polizei.

Endlich, mochte man als Zuschauer laut sagen. Endlich wieder ein richtig guter Krimi, der schlicht und einfach eine richtig spannende Geschichte erzählt. Wo es keine saufenden und strullenden Kommissare, keine Zeit schindenden Restaurant-Szenen, kein Nerv tötendes Gezicke zwischen Kollegen und auch sonst nichts gibt, womit die Sender ihre Zuschauer so erfolgreich vergraulen. Stattdessen Tempo, Action, lakonische Dialoge und eine Geschichte, die hemmungslos ihre amerikanischen Vorbilder plündert.

Denn ja, der Plot ist nicht neu und er zitiert natürlich "Natural Born Killers" von Tarantino und Oliver Stone und "Bonnie und Clyde" (die echten wie die im Film von Arthur Penn) und auch sonst viele Filme, in denen ein junges Paar zu Gejagten der Polizei wird. Schon 1937 drehte Fritz Lang "Gehetzt" und 1950 Joseph H. Lewis "Gefährliche Leidenschaft". Man sieht, solche Geschichten hatten schon immer ihren Reiz. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich auch einmal ein "Tatort"-Team derartiger Motive annimmt.
 

Wie Sex und Gewalt verführt

 
"Kartenhaus" bringt also nichts Neues, das aber ausgezeichnet. Bonnie heißt diesmal Laura Hartmann (Ruby O. Fee) und Clyde Adrian Tarrach (Rick Okon). Sie kommt aus reichem Elternhaus, man sieht es schon in der ersten Szene. Und so exakt wie da der Rasen gestutzt und der Baum und die Büsche vor dem Haus in Kugelform geschnitten sind, könnte man fast meinen, dass mit dem Kartenhaus des Krimi-Titels genau dieses Haus gemeint ist.
 
Aber schon geschieht der erste Mord innerhalb der Handlung - es gab, wie später festgestellt wird, auch zuvor schon einen. Adrian ist der Täter, Lauras Stiefvater Klaus das Opfer. Adrian hält Klaus für einen Vergewaltiger, Laura hat ihm das erzählt. Kurz danach verlassen Laura und ihr Freund Adrian das Haus. Und erst später wird Laura erfahren, dass Adrian nicht nur ihren Stiefvater ermordet hat, sondern auch noch einen weiteren Mann beim Versuch, sich Geld zu beschaffen. Doch da haben die Morde und die Flucht schon eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt.

 
Milieustudie von ganz unten

 
Max Ballauf (Klaus Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wissen diesmal wie auch der Zuschauer sofort, wer der Täter ist. Sie kriegen ihn aber nicht. Adrian kommt von ganz unten: Seine Mutter ist stark übergewichtig, braucht einen Rollator und raucht wie ein Schlot. Sein Vater stürzte vom Balkon. An seiner Mutter hängt er aber, und am Ende gibt es ein intensives Katz- und Mausspiel in der trostlosen Hochhaussiedlung zwischen ihm, Laura und der Polizei.
 
Eine einfache Geschichte ganz ohne falsche Verdächtigen. Sie setzt wie schon "Fegefeuer" auf Bewegung. Und ist lässig, weil sie gar nicht erst versucht, lässig zu sein. Töten etwa ist nicht lässig: Als Adrian seinen zweiten Mord begeht, übergibt er sich hinterher. Und Laura ist eine notorische Lügnerin. Ihre Schulkameraden - Freunde hat sie keine - wissen das, Adrian nicht. Dafür weiß er, wie sich Gewalt in der Familie anfühlt und welche Folgen sie hat.
 

Eine tödliche Femme fatale

 
Adrians Bruder sprang im Alter von 16 Jahren vom Dach der schäbigen Hochhaussiedlung in Köln-Chorweiler, weil sein Vater seine Homosexualität aus ihm rausprügeln wollte. Dieser "Tatort hat also schon eine Art Botschaft, erzählt die aber mit sympathischer Beiläufigkeit und trägt sie nicht in Drei-Meter-Buchstaben vor sich her. Und fotografiert und choreographiert ist das bis zur letzten Sekunde vorzüglich. Dabei geht die Geschichte richtig unter die Haut.
 
Dafür sorgen schon Ruby O. Fee als verführerische Göre und Femme fatale und Rick Ogon, der Adrian trotz zweier Morde noch eine gewisse Unschuld verleiht. Am Ende ist sein Glaube an Laura und seine Liebe zu ihr das Kartenhaus, das zusammenstürzt. Die schreckliche Folge beendet einen Thriller, der so rasant, schnörkellos und effektvoll daherkommt wie schon lange kein Krimi am Sonntagabend mehr. Und Tarantino verhält sich zu "Kartenhaus" wie "Stirb langsam" zu "Fegefeuer": Nie wurden die Vorlagen jeweils besser im "Tatort" zitiert!
 
 
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