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"Taxi nach Leipzig": Die fahrende Folterkammer

Von Drehbuch und Regie haben sich große Mühe gegeben, aus dieser Folge etwas Besonderes zu machen: leider manchmal zu viel.
Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi, re.) hat ausgerechnet die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler, li.) und Borowski (Axel Milberg, Mitte) entführt. Foto: NDR/Meyerbroeker Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi, re.) hat ausgerechnet die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler, li.) und Borowski (Axel Milberg, Mitte) entführt.
Jubiläen haben es oft in sich, auch und gerade, wenn es um den 1000. "Tatort" geht. Mittlertweile weiß der geneigte Zuschauer ja schon alles, was er schon immer über die Kultserie und das "Lagerfeuer der Nation" wissen wollte. Wer die fleißigsten Ermittler waren (Batic und Leitmayr aus München), wer der kultigste (Schimanski) und wer der mit dem schärfsten Auto (doch wohl Thorsten Lannert mit alten Porsche 911, oder?). Aber wenn dann die Jubiläumsfolge auch noch den gleichen Titel wie die allererste trägt, kann man sich vorstellen, welcher Druck auf den Machern lastet.
 
Die Idee, gleich zwei Ermittler einzuspannen, die bisher noch nie miteinander zu tun hatten, ist schon mal gut. Noch besser, wenn es sich um Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover  und Klaus Borowski (Axel Milberg) aus Kiel handelt. Denn die zwei passen ja schon mal gar nicht zusammen: Lindholm, die souveräne, coole, große Blonde mit diesem immer etwas geringschätzigen Blick und dem mokanten Lächeln im Gesicht. Und Borowski, den man sich immer in der Strickjacke vorstellt, der Knuffige, der humanoide Teddybär. Lindholm, die jeden haben kann, und Borowski, bei dem schon lange nichts mehr läuft: der perfekte Gegensatz.
 

Der tödlich nervende Kollege

 
Die beiden begegnen sich in einem Seminar in Braunschweig und sind sichtlich gelangweilt von dem, was sie dort zu hören bekommen. Interessanter für Borowski ist da schon das kalte Büffet, wo ihm Lindholm das letzte Brötchen vor der Nase wegschnappt. Dazu geht ihm auch noch Sören Affeld (Hans Uwe Bauer) auf die Nerven, ein älterer Kollege, der in seine Abteilung versetzt werden möchte. Man kann ihn natürlich verstehen, der Arme sitzt auf einem Abstellgleis und muss mit weniger Geld auskommen. Wem macht so was schon Spaß? Niemandem, auch keinem Polizisten. Nicht im "Tatort" und nicht in der Wirklichkeit.
 
Um seine Durchschlagskraft zu demonstrieren, hält Affeld ein Taxi an, und das ist gar keine gute Idee. Am Steuer sitzt nämlich Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi), ein traumatisierter Veteran aus Afghanistan. Der will noch einmal die Frau sehen, die ihm alles bedeutet hat und am nächsten Tag zu heiraten gedenkt, und zwar ausgerechnet den Mann, den Klapproth mehr als alles andere auf der Welt hasst. Mit gutem Grund, muss man sagen. Der bis zum Platzen mit Wut geladene Psycho fährt ohne Sicherheitsgurt, was Affeld unterbinden will. Seine nervende Fürsorglichkeit wird ihn das Leben kosten.
 

Immer wieder überinszeniert

 
Nun sitzen Linsholm und Borowski mit dem Irren am Steuer im Taxi nach Leipzig, und das Auto zeigt sich bald als fahrende Folterkammer. Klapproth ist hochaggressiv, unberechenbar, schlau und verzweifelt. Er kennt die Tricks der Kommissare und er zeigt Spaß an Demütigungen. Die Fahrt entwickelt sich zum Horrortrip wie einst in "Hitcher, der Highway-Killer". Nicht ganz so wild natürlich, aber insgesamt doch recht ordentlich. Nur leider nicht mehr als das. Und das liegt vor allem daran, dass  Regie und Drehbuch aus dieser Episode teiweise mit Gewalt etwas ganz Besonderes kreieren wollten.
 
Das kann durchaus gut funktionieren, etwa wenn Borowski vor Angst sein Herz schlagen hört. Oder wenn Lindholm endlich einmal wirklich panisch agieren darf. Aber es kann zeitweise auch daneben gehen: Warum etwa sind plötzlich die Darsteller in Rot getaucht und durchnummeriert? Der Zuschauer weiß auch so, wessen Gedanken er aus dem Off hört. Auch der Rückblick in Lindholms Kindheit wirkt absonderlich. Aber die Schauspieler funktionieren, die Psychologie Klapproths ist stimmig, in Nebenrollen tauchen ein paar bekannte "Tatort"-Gesichter auf und das Drehbuch hält immer noch ein paar überraschende Einfälle in der Hinterhand, um den Zuschauer bis zum Schluss zu fesseln. Wie es ausgeht, errät der Zuschauer garantiert nicht vorher.

 
Der Film in der Mediathek

 
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