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TV-Kritik: "Terror – Ihr Urteil": Der Zuschauer als Schöffe

Von Darf jemand Unschuldige opfern, um weit mehr andere Unschuldige zu retten? Das TV-Experiment verspricht Hochspannung.
Von links nach rechts: Lars Eidinger als Verteidiger, Martina Gedeck als Staatsanwältin, Florian David Fitz als Angeklagter, Burghard Klaußner als Richter. Von links nach rechts: Lars Eidinger als Verteidiger, Martina Gedeck als Staatsanwältin, Florian David Fitz als Angeklagter, Burghard Klaußner als Richter.

Das Thema ist sichtlich vom 11. September inspiriert: Ein mit 164 Passagieren besetzte Maschine wurde entführt, sie sollte als tödliche Waffe missbraucht und in die vollbesetzte Allianz-Arena bei München gesteuert werden. Die Maschine befand sich bereits im Sinkflug. Aber auch eine Alarmrotte von Abfangjägern war alarmiert und in der Luft. Eine knappe Viertelstunde, bevor das Flugzeug in der Arena eingeschlagen wäre, wurde die Maschine von Luftwaffenmajor Lars Koch (Florian David Fitz) abgeschossen.

TV-Experiment «Terror» - TV-Publikum entscheidet auf Freispruch

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Sie stürzte in einem Kartoffelacker. Niemand an Bord überlebte. Und nun steht der Luftwaffenmajor, der gegen den ausdrücklichen Befehl, nicht zu schießen, gehandelt hat, wegen 164fachen Mordes vor Gericht. Und nicht das Drehbuch nach dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach fällt das Urteil, sondern der Zuschauer soll das tun – per Telefon und Online-Voting. Schuldig oder nicht schuldig?

 
Die Staatsanwältin: kühl und intellektuell

 
Der Film ist ein TV-Experiment und wird zeitgleich in mehreren Ländern laufen. Dort stimmt der Zuschauer ebenfalls mit ab.  Im Mittelpunkt steht die Frage, ob jemand unschuldige Menschen töten darf, um andere Unschuldige zu retten. Staatsanwältin, gespielt von Martina Gedenk als kühl-intellektuell, stellt unbequeme Fragen. Dabei erkennt sie an, dass Koch ein tadelloser Soldat ist, der sich auch zuvor schon eingehend mit der Problematik eines solchen Falls auseinandergesetzt hat.

Schauspieler Frank Voß war im Theaterstück „Terror“ auf der Bühne als Verteidiger zu sehen.
„Terror“-Schauspieler im Interview Frank Voß: „Unsicherheit ist gut“

Deutschland diskutiert über "Terror", den Film von Ferdinand von Schirach. Frank Voß hat lange in dem Theaterstück, das als Vorlage diente, mitgespielt. Wir haben ihn gefragt, wie er über den Angeklagten entschieden hätte.

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Aber degradiert er nicht durch sein Abdrücken Menschen zum bloßen Objekt staatlichen Handelns? Das Bundesverfassungsgericht habe in der Sache schon ein Urteil gefällt: Es ist auch in einem solchen Fall nicht gerechtfertigt, das Leben von Unschuldigen zu opfern, wenn dadurch  eine größere Anzahl von Menschen gerettet werden könnte. Abwägen wäre unmöglich. Die Staatsanwältin argumentiert mit Immanuel Kant, mit Rechtspositivismus – eine Auffassung, nach der ein vom Staat festgesetztes Recht nicht begründet werden müsste – und damit, dass zwischen Recht und Gerechtigkeit streng zu trennen ist.

Das geringere Übel

 
Demgegenüber lässt der von Lars Eidinger (bekannt als Mörder Kai Korthals in zwei "Tatort"-Krimis aus Kiel) eher andere Auffassung von Recht und Gesetz erkennen. Koch habe sehr wohl das Recht, abzuwägen und das geringere Übel zu wählen.  Selbst US-Vizepräsident Dick Chaney habe nach dem 11. September die Auffassung vertreten, dass es gerechtfertigt gewesen wäre, die Terrorflieger des 11. September abzuschießen, um die Attentate zu verhindern. Außerdem würde man damit Attentäter abschrecken, weil die Abwehrmöglichkeiten stärker wären.
 
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Kommentar: Der Terror und das moralische Dilemma

Demokratien funktionieren weitgehend nach dem Prinzip des Utilitarismus, dem größtmöglichen Nutzen der größtmöglichen Zahl. Dieses Prinzip wird aber in Deutschland begrenzt durch die Menschenwürde,

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Der TV-Film  lässt beide Seiten geschliffen scharf argumentieren. Er erinnert entfernt an klassische Gerichtsfilme wie "Die zwölf Geschworenen" oder "Zeugin der Anklage".  Zu Disputen über die Argumentation zwischen Verteidiger und Staatsanwältin kommt es dabei aber nicht, jeder trägt seine Sicht vor, ohne das der Gegner ihn beeinträchtigt. Emotionen werden nur durch die Witwe eines beim Absturz umgekommenen Passagiers vermittelt.
 
Sie spielen aber bei der Urteilsbildung nicht wirklich eine Rolle. Nicht immer wirkt das geschilderte Geschehen wirklich glaubhaft. Ein Fußball-Stadion, das als Anschlagsziel bekannt ist und trotz ausreichender Zeit nicht geräumt wird? Am Ausgang des Urteils dürften aber kaum  Zweifel bestehen, zumal der Verteidiger sein auch Gelegenheit bekommt, die Argumente der Staatsanwältin zu zerpflücken. Die Zuschauer werden sich sehr eindeutig entscheiden.
 
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