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TV-Kritik: "Tödliche Geheimnisse": Erstaunlich gut

Von Nicht ganz überzeugend, aber dennoch ein wirkungsvoller und toll gespielter Thriller: der ARD-Krimi um genmanipuliertes Saatgut und die Macht der Konzerne.
Die heimliche Affäre: Paul Holthaus (Oliver Masucci) ist für die Unternehmerin Lilian Norgren (Katja Riemann) weit mehr als nur ihr Lobbyist. Foto: ARD Degeto/Stephan Rabold Die heimliche Affäre: Paul Holthaus (Oliver Masucci) ist für die Unternehmerin Lilian Norgren (Katja Riemann) weit mehr als nur ihr Lobbyist.
Wenn ein Film sich solcher Themen annimmt, muss es zweifellos um ein höchst ehrgeiziges Projekt handeln. An entsprechenden Schlagworten - in einem Nebensatz taucht gar das Wort "Lügenpresse" auf - fehlt es jedenfalls nicht. Es geht um Freihandelsabkommen, genmanipuliertes Saatgut, juristische Schlupflöcher und auch solche vermeintlich banalen Sachen wie das, was wir morgens unseren Kindern aufs Brot legen. Jedenfalls eine Menge an brisanten Informationen auf einem USB-Stick, mit der Whistleblower Paul Holthaus (Oliver Masucci) die "Diktatur der Konzerne" zu belegen gedenkt.

Ein klassischer McGuffin im Sinne von Alfred Hitchcock also, um die Handlung in Gang zu bringen. Als die Journalistin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf) ihn in einem Hotelzimmer interviewen will, wird sie von einem angeblichen Anruf ihrer Freundin Karin Berger (Anke Engelke) abgelenkt. Doch bei der Rückkehr steht sie vor einem leeren Raum und wird hinterrücks angegriffen, nur um später auf einer Parkbank wieder zu Bewusstsein zu kommen. Keine gute Sache für Karin Berger, die ehrgeizige und redliche Chefredakteurin des Magazins "Der Puls", die statt Titten auf der Titelseite lieber echten Qualitätsjournalismus bieten will.

Lesbische Liebe eher als Pflichtübung

Nebenbei ist sie Lesbe, wie auch Rommy selbst und Tessa Norgren (Paula Beer), die Tochter von Konzernchefin Lilian Norgren (Katja Riemann). Der selbstverständliche Umgang mit weiblicher Homosexualität gehört zunächst zu den Stärken des Films, auch wenn die Umsetzung eher keimfrei und ein wenig wie eine Pflichtübung anmutet. Der hervorragend emotional spielenden Anke Engelke nimmt man die Rolle jedenfalls sofort ab. Nina Kunzendorf erscheint im Vergleich dazu eher introvertiert.

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Und bei Tessa Norgren ist die Funktion innerhalb der Geschichte schon in der Figur selbst nicht wirklich nachvollziehbar. Höchstens dass ihre Mutter Lilian ihr in einer an den James Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag" erinnernden Fechtszene einige Grundzüge erfolgreichen Managements erläutern kann. Lilian hat jedenfalls eine Affäre mit Holthaus, während seine Frau an einem Krebs stirbt, an dem Lilians Konzern nicht unschuldig war. Eine vielleicht etwas bemühte, aber dennoch wirkungsvolle Konstellation.

Zu viele Rückblenden

Wirkungsvoller jedenfalls als die Umsetzung: Während der Film zu Beginn noch eine sehr schöne Paranoia-Atmosphäre erzeugt, beginnt das Konzept nach dem Verschwinden von Holthaus zu verwässern. Hintergründe der Figuren bekommt der Zuschauer nämlich durch eine Reihe von Rückblicken vermittelt, was den erzählerischen Druck und damit die Spannung absinken lässt. Immerhin bleibt das Beziehungsgeflecht stets überschaubar.

Einen kleinen Schwachpunkt gibt es noch in der Figur der Lilian Norgren: Ihre Skrupellosigkeit kommt besonders in einer Geschichte mit vielen toten Bauern in Indien zum Ausdruck, die das Drehbuch aus dem Mund von Rommy Kirchhoff aber rein verbal abhandelt. Sonderlich wirkungsvoll ist das nicht.  Katja Riemann kann sich als blondes Biest aber recht gut in Szene setzen: Das Drehbuch gibt Lilian, die sich mit ihrem Alter nicht abfinden und mit über 50 noch einmal Mutter werden will, auch eine gewisse emotionale Verwundbarkeit mit.

Angesichts der Vielzahl von Themen und Motiven - am Ende geht es auch noch um Käuflichkeit - droht der Film zwar bisweilen, sich zu verheben. Und ob er der sicher komplexeren Wirklichkeit gerecht wird, sei dahingestellt. Insgesamt funktioniert er aber als Thriller erstaunlich gut. Ein paar zusätzliche Szenen mit Engelke und Riemann hätten aber noch mehr daraus gemacht.
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