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TV-Kritik: "Toter Winkel": Die verhängnisvolle Ahnungslosigkeit

Von Herbert Knaup gibt hier eine Glanzleistung als Biedermann, der seinen Sohn in rechtsradikale Tendenzen verstrickt sieht.
Karl Holzer (Herbert Knaup) hegt einen furchtbaren Verdacht: Ist sein Sohn Thomas von ihm unbemerkt zum rechten Terroristen geworden? Foto: WDR/Thomas Kost Karl Holzer (Herbert Knaup) hegt einen furchtbaren Verdacht: Ist sein Sohn Thomas von ihm unbemerkt zum rechten Terroristen geworden?
Mit Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus in weitestem Sinn hat sich Hans W. Geißendörfer ("Lindenstraße") schon immer auseinandergesetzt. Diese Themen spielen nicht nur immer wieder in der „Lindenstraße“ eine Rolle, sondern auch schon in seinem Regie-Debüt "Jonathan" von 1970, zu dem Geißendörfer auch das Drehbuch verfasste: Lose angelehnt an Bram Stokers "Dracula"-Roman, erscheint der Vampirgraf dort als eine Art von Hitler-Figur.
 
Seine Produktion "Toter Winkel" – geschrieben von Ben Braeunlich und inszeniert von Stephan Lacant – zeigt sich von der Mordserie der NSU inspiriert, aber auch angesichts des Falles Franco A. von beklemmender Aktualität. Die Geschichte beginnt mit dem nächtlichen Klingeln bei Familie Krasniqi aus dem Kosovo. Vor der Tür stehen Männer, die sich als Polizisten vorstellen. Sie würden mit sofortiger Wirkung abgeschoben und dürften nur wenig Gepäck mitnehmen.

 
Der Tod eines alten Freundes

 
Draußen im Freien läuft Anyá Krasniqi (Emma Drogunova) panisch weg. Bei ihrer Verfolgung gerät Manuel Retzlav (Konstantin Lindhorst) vor einen Lastwagen und kommt ums Leben. Der Tote war ein Freund von Thomas Holzer (Hanno Koffler), dessen Vater Karl Holzer (Herbert Knaup) einen kleinen Friseurladen betreibt. Der Vater ist irritiert über die scheinbare Gleichgültigkeit, mit der Thomas den Tod Manuels zur Kenntnis nimmt: Sie hätten, so Thomas‘ Erklärung, schon lange keinen Kontakt mehr gehabt.
 
Bald gibt es Verdachtsmomente, dass der Getötete in Verbrechen mit rechtsterroristischem Hintergrund verstrickt gewesen sein. Bei ihm wurde eine Waffe gefunden, die einem vermutlich von Rechtsextremisten getöteten Polizisten gehörte. Ein Bild zeigt seinen Sohn und Manuel mit Hitlergruß. Schnell steuert die Geschichte auf den zentralen Konflikt zu – den zwischen Vater und Sohn.

 
Das hier ist kein Thesenfilm

 
Filme um das Thema Rechtsextremismus geraten schnell in Gefahr, zu reinen Thesenfilmen zu erstarren. Eine Gefahr, die bei Regisseur Stephan Lacant durchaus gegeben war. Sein Film "Freier Fall" handelt von einen Polizisten, der bei einem Fortbildungskurs durch die kessen Avancen eines schwulen Kollegen selbst homosexuelle Neigungen in sich entdeckt und sich zwischen solider bürgerlicher Pflichterfüllung – seine Freundin ist schwanger – und seiner neu entdeckten Leidenschaft hin- und hergerissen sieht.

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Ein potentiell hochspannendes Thema, das aber durch eine schwerfällig entwickelte Geschichte und vor allem durch die extrem platt antischwul angelegten Nebencharaktere viel an Reiz einbüßte. In "Toter Winkel" funktioniert der Plot schon bedeutend besser. Durch eine Geschichte, die durchgehend auf Tempo setzt und auch den einen oder anderen Thriller-Effekt nicht scheut, und durch intensive charakterliche Feinzeichnung.
 

Glanzrolle für Knaup

 
Und durch Herbert Knaup, der hier eine erstaunlich gute Figur abgibt. Knaup, ansonsten im TV eher in schillernden Rollen präsent, gibt hier überzeugend einen biederen Friseur, der sein in der Idylle gehegtes Weltbild zerbrechen sieht. Wobei der Film die Biederkeit Holzers mitunter zu plakativ anlegt: Wenn Knaup in seiner Rolle angesichts einiger Scherben vor seinem Laden über "die Jugend heute" lamentiert, wirkt das schon etwas dick aufgetragen.
 
Eine lässliche Sünde. Lacant setzt meist auf einen düsteren Alltagsrealismus, der sich jedes Moralisieren verkneift und in Knaups nuanciertem Spiel den perfekten schauspielerischen Ausdruck erfährt. Und ein rasant inszeniertes Finale, das diesen wichtigen Film den perfekten Abschluss verleiht.
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