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TV-Kritik: "Viel mehr als Traurigkeit": Depression als Krankheit

Von Wenn Menschen depressiv werden: Hier äußern sich zwei Betroffene darüber, wie sie mit der Krankheit zu leben lernten.
Jana Seelig (28) bekennt sich offen zu ihrer Depression und erhofft sich Hilfe von einem Berliner Psychiater. Foto: Wibke Kämpfer Jana Seelig (28) bekennt sich offen zu ihrer Depression und erhofft sich Hilfe von einem Berliner Psychiater.
Depressionen haben sich zur Volkskrankheit entwickelt: Mindestens vier Millionen Menschen sollen allein in Deutschland daran erkrankt sein. Die Krankheit verfügt mittlerweile über eine gewisse Medienpräsenz, die Erkrankten dagegen nicht. Ein Burn-Out klingt wenigstens noch nach der Folge langjähriger beruflicher Höchstleistung – und damit gewissermaßen nach einer Krankheit, die sich der daran Erkrankte hart und ehrlich erarbeitet hat. Man verbindet ihn mit hoher beruflicher Position und  einer Manager-Krankheit. Wer einen Burn-Out hat, darf quasi ein Recht auf seine Erkrankung beanspruchen, wenn nicht sogar ein bisschen stolz darauf sein.
 
Anders Menschen mit einer Depression. Wer die hat, vertuscht sie, versteckt sie. Er oder sie gilt nämlich schnell als faul, als nicht leistungsfähig. Oder schlimmer, nicht als leistungswillig, als Drückeberger. Eine Depression  ist tatsächlich "viel mehr als Traurigkeit", wie der Titel der 37 Grad-Sendung verrät. Ein zäher Brei, in dem man steckt, eine lähmende Lethargie, eine emotionale Kälte bis zur Abstumpfung und Erstarrung. Das TDF hat zwei Menschen ausfindig gemacht, die sich vor der Kamera dazu bekennen. Sonst haben sie nichts gemeinsam: Jana Seelig, 28 Jahre alt, ist Bloggerin und Autorin in Berlin. Uwe Haug, 49 Jahre alt, hat Familie und arbeitet als in Schwäbisch Hall als Informatiker.

Die Krankheit im Buch beschrieben

"Dann passiert nichts in mir, ich nehme dann nichts wahr", beschreibt Jana die Auswirkungen einer depressiven Episode. Sie hat über ihre Depression ein Buch verfasst mit dem Titel "Minusgefühle". Sie wirkt nicht wie krank, eher extrovertiert. Die Depression sei ein Teil von ihr, aber sie wäre nicht mit ihrer Depression identisch: Sie wäre sehr viel mehr. Es wirkt bedenklich, wenn sie über Selbstmordgedanken spricht. Aber Depressive sind gefährdet. Uwe hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Er verbrachte anschließend sechs Monate in der Psychiatrie. Es bereitet ihm Probleme, wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren.
 
Beim ersten Mal scheiterte es schon am zweiten Tag. Seine Frau Sibylle ist sein "Fels in der Brandung". Sie ist seit 21 Jahren mit Uwe zusammen, hat seine Tiefen hautnah miterlebt. Sein Leben im gepflegten Einfamilienhaus, das er mit dem Fahrrad und Fahrradhelm zur Arbeit verlässt, scheint so gar nicht zu seiner Krankheit zu passen. Aber was seine Frau erzählt, gibt zumindest einen Eindruck davon, welche Verwüstung die Krankheit im Eheleben hinterließ. Nervenzusammenbrüche, Panikattacken. In gewisser Weise schafft Depressionen Co-Erkrankungen – so wie eine Alkoholsucht Co-Abhängige.

Oft leiden die Familien mit

Eine Mail, in der Uwe ihr seinen Selbstmord ankündigte -  einen Versuch hatte er damals schon hinter sich – versetzte sie in helle Panik. Es kam zum Glück anders. In einem Buch symbolisiert Uwe die Depression mit einem schwarzen Hund. Er wird ihn nicht los, er lebt in seinem Schatten, er starrt ihn sogar im Spiegel an. Seine Tochter, die auch zu Wort kommt, hat sichtlich Schwierigkeiten, zu beschreiben, wie die Krankheit ihren Vater veränderte. Dass ihr Vater dann so wirkte, als hätte er „eine andere Person in sich“ gehabt, scheint es aber am treffendsten zu beschreiben.
 
Uwes Kinder sind in Therapie. Es ist auch für sie nicht einfach, mit der Depression des Vaters umzugehen. Die Familienstruktur bleibt zerbrechlich. Ähnlich wie Jana macht auch Uwe seine Krankheit öffentlich. In Berlin spricht er vor Hunderten von Zuschauern über seinen Suizidversuch. Die Dokumentation offenbart das totale Kontrastprogramm zum Leben anderer Erkrankter, die sich verstecken wollen. Aber sie zeigt, so paradox das klingt, auch das Vertraute daran: Eine Depression kann sich möglicherweise auch zu einer Sucht entwickeln. Parallelen sind unverkennbar. Aber es ist sicher hochgefährlich, Medikamente einfach abzusetzen, wenn man sich als Depressiver einmal besser fühlt.
 
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