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TV-Kritik: "Virgin Mountain": Drama ohne Kraft

Der unbeholfene Fúsi lernt eine depressive Frau kennen und wagt sich für sie ins Leben hinaus. Leider bleibt die Geschichte weit unter ihren Möglichkeiten.
Nur langsam begreift Fúsi (Gunnar Jónsson), dass sich auch hinter der Fassade der scheinbar so lebenslustigen Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir) Abgründe auftun. Foto: Alamode Film/Rasmus Videbæk Nur langsam begreift Fúsi (Gunnar Jónsson), dass sich auch hinter der Fassade der scheinbar so lebenslustigen Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir) Abgründe auftun.

Fúsi (Gunnar Jónsson) hat einen Job am Flughafen und starkes Übergewicht. Einer jener tragischen Typen also, die viel zu spät merken, dass mit ihrem Umfang auch ihre Angriffsfläche beträchtlich zugenommen hat. Deswegen wohnt Fúsi noch zuhause bei seiner Mutter und spielt in seiner Freizeit am liebsten mit einem Kumpel historische Schlachten aus dem Zweiten Weltkrieg nach. Oder er dröhnt sich mit richtig harter Metal-Mucke zu.

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Er könnte also glatt ein Verwandter von Georg Bleistein sein, jenem Riesentrum Mann aus Ludwig Fels‘ Roman "Ein Unding der Liebe", den das ZDF im Jahr 1988 als hervorragenden Zweiteiler brachte. Oder gar ein jüngerer Bruder von "Marty", dem korpulenten und gutmütigen Metzger, der seinem Schauspieler Ernest Borgnine im Jahr 1955 einen Oscar als bester Hauptdarsteller einbrachte. Der lernt eine Frau, die ihn interessiert, beim Tanzen kennen.

Cowboy-Hut mit Tanzkurs-Gutschein

Ähnlich wie Fúsi. Der platzt einmal in den Raum, als sich seine Mutter gerade mit ihrem Freund vergnügt. Weswegen der Freund ihm einen Cowboy-Hut und eine Gutschein für einen Tanzkurs schenkt, um mit Fúsis Mutter ungestört zu sein . Vor Ort macht Fúsi aber wieder einen Rückzieher, als er die Tänzer beim Training beobachtet. Später lernt er die bemerkenswert offene und unkomplizierte Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir ) kennen, die sich von ihm nach Hause fahren lässt. 

Es bedeutet für Fúsi eine gewisse Anstrengung, sich aus seinem Einsiedlerleben herauszuwagen, um Sjöfn wirklich kennenzulernen. Eine Einladung zu einem Tee oder Kaffee schlägt er zunächst aus, steht dann aber trotzdem vor Sjöfns Wohnungstür. Und fragt, ob sie nicht Milch für ihn hätte. Fúsi ist der Prototyp eines Gewohnheitstiers, so geht er regelmäßig einmal pro Woche in die gleiche Kneipe und verzehrt dort immer dasselbe Gericht.

Fúsi, der sanfte Bär

Sjöfn zwingt ihn aber, sich aus seinem geschützten Einsiedlerleben hinauszuwagen. Sie ist nicht gesund und benötigt seine Hilfe, was aber auch für Fúsi zu Problemen führt. Der isländische Filmemacher Dagur Kári (Drehbuch und Regie) hat mit „Virgin Mountain“, der im Originaltitel einfach nur den Rollennamen seines Hauptcharakters trägt, einen Film mit vielen faszinierenden Ansätzen geschaffen. Wobei aber die Ausführung nicht immer mithält.

Die Hauptfigur zeigt sich als im Grunde lieber kleiner Junge im Körper eines Riesen. Fúsi ist ein herzensguter Kerl und gutmütiger Koloss, jemand, der sich lange herumschubsen und von seinen Arbeitskollegen demütigen lässt. Von seiner Umwelt kapselt er sich ab, deutlich etwa durch die Kopfhörer, die er meistens bei seiner Arbeit trägt. Selbst als er verdächtigt wird, sich an ein kleines Nachbarsmädchen herangemacht zu haben, nimmt er das dem Vater nicht weiter übel.

Das Drama kommt zu kurz

Nur einmal wird er handgreiflich, als ihm von Arbeitskollegen eine Prostituierte aufgedrückt wird, um ihn lächerlich zu machen. Die Szene verdeutlicht aber auch, woran es dem Film mangelt: Kári hat seinen Antihelden auf dem Weg ins Erwachsenwerden nicht in ein überzeugendes Szenario gestellt. Die sadistischen Kollegen etwa sind ziemlich eindimensional grob angelegt. Auch weitere Nebenfiguren bleiben überwiegend blass.

Das extreme Phlegma  Fúsis überträgt sich zudem unvorteilhaft auf die Geschichte, die doch ziemlich dünn und kraftlos bleibt. Selbst die Kernhandlung – Fúsis Beziehung zu Sjöfn – bekommt nicht genügend Präsenz. Wenn Fúsi Sjöfns Wohnung reinigt und ihr liebevoll zubereitetes Essen vor die Tür stellt – die er später mit sanfter Hand öffnet – sind das Szenen, die durchaus anrühren.

Andere Handlungsstränge wie die Geschichte um das Nachbarsmädchen oder die Arbeitskollegen sind damit aber kaum verwoben. So bleiben nur ein paar gelungene Szenen und der wirklich gute Gunnar Jónsson in der Hauptrolle in Erinnerung. Ansonsten hinterlässt der Film aber den Eindruck, als habe Dagur Kári das Potential der Geschichte selbst nicht erkannt.

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