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TV-Kritik: "Wellness für Paare": Knallharter Seelenstrip

Von Bekannte TV-Gesichter spielen Paare in der Krise. Und gestalten ihre Rollen selbst, nicht nach einem Drehbuch.
Für das hochkarätig besetzte Schauspielensemble war der Film zugleich ein Wagnis als auch ein Fest. Niemand wusste, welche Themen und Fragen kommen würden. Foto: (WDR Presse und Information/Bildk) Für das hochkarätig besetzte Schauspielensemble war der Film zugleich ein Wagnis als auch ein Fest. Niemand wusste, welche Themen und Fragen kommen würden.
Normalerweise hat man mit etwa fünfzig Jahren schon einiges erreicht im Leben. Oder auch nicht. Oder steht gar vor einen Trümmerhaufen wie Jan Erik Schult (Devid Striesow). Der muss seiner Partnerin beichten, dass er pleite ist. Da hat es Therese Pönsgen (Anke Engelke) zumindest finanziell schon besser. Aber sie ist schon fünfzig und fühlt sich zu alt für Kinder, während ihr deutlich jüngerer Freund noch Nachwuchs möchte. Und auch bei anderen Paaren steht es nicht zum Besten:  Träume haben sich nicht erfüllt, Illusionen sind gefallen, Versprechungen wurden nicht eingelöst. Und die biologische Uhr tickt.
 
Der Film heißt "Wellness für Paare", aber mit Wohlfühlprogramm oder gar Wohlfühlfernsehen hat das Dargestellte nichts zu tun. Die Probleme sind dem alltäglichen Leben abgeschaut. Sie dürften manchen Zuschauern mehr als bekannt vorkommen. Die Figuren entblößen sich, teilweise geht es um extrem Intimes. Aber nicht nur seelisch. So viel nackte Haut ist selten im Ersten zur besten Sendezeit. Und noch dazu mit einer derart illustren Besetzung: Mit dem Handtuch um die intimeren Teile in der Saune finden sich in der Eingangsszene unter anderem ein: Devid Striesow, Anke Engelke, Katharina Marie Schubert, Bjarne Mädel, Anneke Kim Sarnau oder Martin Brambach.
 

Risse im bürgerlichen Gebälk

 
Die Sauna steht für den Wellnessbereich eines Hotels und damit normalerweise auch für eine gewissen beruflichen, familiären und finanziellen Status. Einen solchen Wellnessbereich haben eher Hotels der gehobenen Preisklasse. Zu diesem gehört auch das Hotel im Film, ein Wasserschloss in Nordrhein-Westfalen. Und das bietet nicht nur körperliches, sondern auch seelisches Fitnessprogramm in Form einer Paartherapie. Fünf Paare sind es, allesamt von bekannten Schauspielern verkörpert – aber ohne Drehbuch. Nur die Grundzüge der Charaktere sind vorgegeben und mit den Schauspielern zuvor besprochen.
 
Was daraus entsteht, liegt bei den Schauspielern selbst. "Wellness für Paare" funktioniert nach demselben Prinzip wie  vor zwei Jahren "Altersglühen", in dem stellvertretend für die Probleme und Sehnsüchte einer Generation in Rente Senta Berger, Mario Adorf oder Michael Gwisdek agierten. Hier geht es um eine jüngere Generation, gemeinhin "im besten Alter" genannt. Begleitet werden die Gespräche von echten Therapeuten. Es geht hart zur Sache, Privates und Gespieltes vermischt sich, die Grenzen zwischen Rolle und Schauspieler verschwimmen.
 

Schauspieler zeigen ihr Können

 
Das Konzept sorgt für eine reizvolle Unmittelbarkeit. Ganz neu ist es nicht: Hollywood-Altmeister Howard Hawks ließ seine Schauspieler bisweilen improvisierte Texte sprechen, um bei ihren Gegenübern Überraschungen oder Verwirrung auszulösen. Die Authentizität vor der Kamera war ihm wichtig. Hier reden die Schauspieler durchweg, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und agieren nach eigenem Ermessen. Gedreht wurde in nur 48 Stunden, was für die Filmcrew einen erheblichen Aufwand bedeutete. 21 Kameraleute drehten 111 Stunden Material, aus denen dieser Film entstand. Regie dabei führte wie schon bei "Altersglühen" Jan Georg Schütte, der auch den Hotelmanager spielt.
 
Der Aufwand hat sich aber in jedem Fall gelohnt. Themenmäßig drücken die Schauspieler kräftig aus Gaspedal, was ihnen eine enorme Wandlungsfähigkeit abverlangt. Etwa dem zuerst so selbstbewussten Striesow, der in seiner Rolle über den Umweg des Therapeuten seiner Freundin beichten muss, dass er pleite ist. Oder Gabriela Maria Schmeide als übergewichtige und verhuschte Ehefrau, die erfährt, dass ihr Mann kurz nach der Hochzeit eine Affäre hatte. Schon aus einem Grund lohnt sich der Film auf jeden Fall: Er bietet richtig gutes Schauspieler-Kino.

Den ganzen Film gibt es hier
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