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TV-Kritik: "Wer aufgibt, ist tot": Spannende Einsicht

Von Ein Handlungsreisender versucht in einer Zeitschleife, dem Tod von der Schippe zu springen. Und lernt dabei viel über sich selbst.
Heute wird Spiegel-Vertreter Paul Lohmann (Bjarne Mädel) den ganz großen Auftrag an Land ziehen! In der Tankstelle spornt er sich selbst dazu an. Foto: (SWR-Pressestelle/Fotoredaktion) Heute wird Spiegel-Vertreter Paul Lohmann (Bjarne Mädel) den ganz großen Auftrag an Land ziehen! In der Tankstelle spornt er sich selbst dazu an.
Es schadet nicht, am Freitagabend zur besten Sendezeit filmische Klassiker zu zitieren: Letzte Woche gab es im ZDF Parallelen zwischen "Glamourgirl" und dem US-Film "Bodyguard".  Und jetzt "Wer aufgibt ist tot": Zu den Bestandteilen dieses Films gehört etwa ein Mann, der nach einem Unfall schwer verletzt im Koma liegt und in eine Zwischenwelt gerät. Ein Engel dort will ihn zur anderen Seite geleiten. Doch der Mann kann in der Zeit, bis seine Frau im Krankenhaus die endgültige Entscheidung über das Abschalten der lebenserhaltenden Apparate gefällt hat, seine letzten Tage immer wieder durchleben und verändern.
 
Und so macht er sich an die Arbeit, um dem Unfall zu entgehen. Doch was immer er auch anstellt, immer wieder endet es mit dem Unfall im Tunnel und immer wieder steht er im Krankenhaus neben sich. Dabei lernt er sehr viel über seine Vergangenheit und die Fehler, die er im Leben begangen hat. Die Inspirationen zu diesem Film sind leicht auszumachen: Anleihen aus den Hollywood-Klassikern "Und täglich grüßt das Murmeltier" sowie "Ist das Leben nicht schön" sind nicht zu übersehen. Und die Hauptfigur heißt ausgerechnet Lohmann, arbeitet als Handelsvertreter, betrügt seine Frau, mischt Vergangenheit und Gegenwart und baut einen schweren Auto-Unfall: genau wie Arthur Millers tragischer Verlierer Willy Lohmann aus "Tod eines Handlungsreisenden" also.
 

Lohmann, der Jedermann

 
Einen Hauch Jedermann aus Hugo von Hoffmannsthals gleichnamigem Drama kann man ebenfalls in Lohmann erkennen. Hier heißt der Jedermann Lohmann Paul mit Vornamen und hat einen Hang zum Alkohol, was weder seinen Geschäften noch seinen Fahrkünsten guttut. Er lässt sich nicht einmal am Todestag seiner jüngeren Tochter an ihrem Grab blicke, und dass es seiner älteren Tochter nicht besonders gut geht, nimmt er nicht wahr. Doch sonst ist er eigentlich kein schlechter Kerl: ein Durchschnittstyp halt, der auch ein Stück vom Kuchen haben möchte. Aber auch jemand, der schon bessere Zeiten gesehen hat: Seine Erfolge als Star-Verkäufer für Spiegel liegen schon lange zurück.
 
Der Film ist gespickt mit Symbolen: Da ist der Unfall in einem Tunnel, an dessen anderem Ende ein weißes Licht scheint. Da spielen im Berufsleben Lohmanns Spiegel eine wichtige Rolle. Und Lohmanns Hobby sind seine Brieftauben, Symbol einerseits für Freiheit als auch für Orientierung. In seine Komik mischt er immer wieder nachdenkliche Töne, die an Tragik zunehmen. Am Ende erscheint Lohmann im letzten Durchgang erschöpft und desillusioniert bis zur Selbstaufgabe: Er verabschiedet sich von seiner Geliebten, kämpft auch nicht mehr um seine Arbeit, seinen Erfolg, die Liebe seiner Frau oder das Leben seines ungeborenen Enkelkinds.
 

Am Ende eine Überraschung

 
Bjarne Mädel gibt diesen Paul Lohmann mit Inbrunst, zumal er ihn immer wieder von einer neuen Seite präsentieren darf. Den Prozess des Erkennens und des charakterlichen Wandels gestaltet Mädel zu einem fesselnden Erlebnis für den Zuschauer. Zuerst versucht Lohmann noch, für sich das Beste herauszuholen, doch ab einem gewissen Zeitpunkt wird er einsichtiger, sanfter, zumal auch seine Zeit in der Zwischenwelt abläuft. Doch zum Glück ist das noch nicht das Ende.
 
Es ist natürlich nicht einfach, einer solchen Geschichte einen halbwegs befriedigenden Schluss zu verleihen. Die Macher haben sich aber was Gutes einfallen lassen: So leicht wollen sie es Lohmann dann eben doch nicht machen und dem Zuschauer ebenfalls nicht. Sind wir nicht alle ein bisschen Lohmann? Der Tod ist jedoch keine Alternative, schon gar nicht in der Vorweihnachtszeit und auch nicht, wenn der Todesengel so viel frechen Charme versprüht wie Friederike Kempter ("Tatort" Münster). Mit seinem tiefsinnigen Humor passt „Wer aufgibt, ist tot“ aber in jede Jahreszeit.


Den ganzen Film gibt es hier
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