Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 19°C

TV-Kritik: "Willkommen bei den Honeckers": Ein besonders feines Stück Komödie

Wie sich ein ehrgeiziger Kellner zum kranken DDR-Chef in Chile durchlog. Und warum dieser Film so wunderbar clever gestrickt ist.
Der Kellner Johann Rummel (Max Bretschneider, re.) erschleicht sich das Vertrauen von Erich Honecker (Martin Brambach), um in Chile das letzte Interview mit dem gestürzten DDR-Staatschef zu führen. Foto: ARD Degeto/Fréderic Batier Der Kellner Johann Rummel (Max Bretschneider, re.) erschleicht sich das Vertrauen von Erich Honecker (Martin Brambach), um in Chile das letzte Interview mit dem gestürzten DDR-Staatschef zu führen.
Das Thema könnte kaum schwieriger sein: Wie nähert man sich ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit der Person Erich Honeckers? Jenes DDR-Staatsratsvorsitzenden, Witzfigur im Westen, kommunistische Ikone in der DDR, in dessen Person sich die DDR mitsamt Schießbefehl, Mauertoten und Mangelwirtschaft wie in kaum einem zweiten Politiker verdichtete?  Und das auch noch in Form einer Komödie, die auf Tatsachen beruht.

Film verpasst? Hier geht es zur Mediathek!
 
Mark Pittelkau, heute BILD-Reporter, lieferte das Vorbild für Johann Rummel, der von Max Bretschneider verkörpert wird, sich als Kellner durchs Leben schlägt und als Boulevard-Journalist Karriere machen will. Es ist ganz früh in den 90er Jahren, und Ex-DDR-Chef Erich Honecker sieht sich massiv unter Beschuss. Die kommunistische Gallionsfigur sucht ihr Heil in der Flucht nach Moskau und in die chilenische Botschaft.
 
Der Kellner wird zum Kommunisten
 
Rummel interessiert sich nur mäßig für Honeckers Rolle in der DDR. Dass der Bruder seiner Freundin Jenny (Cornelia Gröschel) an der Mauer ermordet wurde, ist für ihn nebensächlich, solange er über diesen eine Geschichte liefern kann, die ihn voranbringt. Mit dem fiktiven Bund der Jungkommunisten, den er für einen Besuch im Haus des ehemaligen DDR-Chefpropagandisten Karl Eduard von Schnitzler (Bernd Stegemann) erfindet, kann er das Interesse Honeckers erregen.
 
Dass seine Freundin sein Einschmeicheln bei Honecker mit Ekel zur Kenntnis nimmt, dass ihm sein Freund Maik (Max Mauff) die Gefolgschaft verweigert, macht ihm zwar schon zu schaffen, aber am Ende siegt sein beruflicher Ehrgeiz: Rummel wird von dem sterbenskranken Honecker (Martin Brambach) und dessen Frau Margot (Johanna Gastdorf) in Chile empfangen. Und dass die ARD aus dem Thema eine so glänzende Komödie gestrickt hat, liegt auch daran, dass die Geschichte sich bitterernsten Fragen nicht verweigert.

Zwischen den Zeilen stehen ernste Fragen

Es ist nämlich ziemlich viel, was Matthias Pacht (Drehbuch) und Philipp Leinemann (Regie) hier unter einen Hut bringen mussten: so etwa überzeugende Charakterportraits, Umgang mit der Geschichte der DDR verbunden mit korrekter Geschichtsdarstellung. Und das auch noch verbunden mit einigen heiklen Fragestellungen, hier festgemacht an Rummel selbst, der ebenfalls Grund hat, Honecker zu hassen: Wie weit kann Selbstverleugnung um der Karriere willen gehen?
 
 Ab wann entwickelt sich aus einem cleveren Kniff und einem eventuell noch akzeptablen Täuschungsmanöver ein blanker Betrug am Interviewpartner und damit in gewisser Weise auch am Leser und Endverbraucher? Ist es wirklich legitim, jemanden wie Honecker in seinen Ansichten auch noch zu bestätigen? Schon bemerkenswert, mit welch leichter Hand hier Pacht und Leinemann diese grundlegenden Fragen zu einer locker und dabei ungemein punktgenau inszenierten und gespielten Komödie verquirlt haben.

Martin Brambach: als Honecker zu jung

Die Macher stellen die Fragen zwar, nötigen dem Zuschauer aber keine Antworten auf. Großen Anteil am gelungenen Resultat tragen dabei die Schauspieler. Bei Martin Brambach gibt es leichte Abstriche zu machen: So gut er hier auch als Schauspieler agiert – den rund achtzigjährigen Honecker nimmt man ihm nicht ab, er wirkt einfach zu jung. Hier wäre ein Älterer die bessere Wahl gewesen. Ideal aber Johanna Gastdorf als Margot Honecker.
 
Und auch Max Bretschneider macht sich mit leichtem Tom Cruise-Appeal bestens in seiner Rolle als karrierewütiger Jungspund. Bretschneider trägt besonders dazu bei, dass der Umgang mit DDR-Geschichte und Mauertoten nie die Balance zwischen pointiertem Witz und nachdenklichen Momenten verliert. In den Nebenrollen gefallen so markante Charakterdarsteller wie Thomas Thieme und Suzanne von Borsody.
 
Zur Startseite Mehr aus TV-Kritik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse