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TV-Kritik: "Zu Fuß und ohne Geld": Ein moderner Diogenes

Von Ein Jahr lang wanderte Jens Fröhlke durch Deutschland,um zu sich selbst zu finden. Eine Doku nicht ohne Gruselfaktor.
Mit Vollbart am Ende seiner Reise. Jens hat auf seinem Weg zu sich selbst stark abgenommen, er will weiterhin so geldfrei wie möglich leben. Foto: Axel Thiede Mit Vollbart am Ende seiner Reise. Jens hat auf seinem Weg zu sich selbst stark abgenommen, er will weiterhin so geldfrei wie möglich leben.
Wer möchte so etwas tun, was Jens Fröhlke, 53 Jahre alt, gemacht hat? Einfach loswandern, ein Jahr lang, ziellos und kreuz und quer durch Deutschland? Wobei "ziellos" hier nur so weit zu verstehen ist, dass es keinen bestimmten Ort gab, zu dem er wollte, denn ein Ziel hatte seine Wanderschaft schon: Er wollte herausfinden, wie weit er sich in dieser Zeit veränderte, er wollte alternative Lebensformen kennenlernen und selbst ausprobieren, er wollte ein Jahr lang den Totalausstieg durchziehen.
 
Und wanderte einfach los, mit einem schweren Rucksack, aber ohne Geld, und ließ einfach sein altes Leben hinter sich, seine Familie, seine Kinder, seine Frau. Er hatte einen Buchladen gegründet, ein Haus gekauft, er musste die Raten für das Haus erwirtschaften und genügend Umsatz, um die Ladenmiete und die Gehälter für vier Angestellte zu finanzieren. Und genau da wollte er raus, raus aus dem Hamsterrad, dem Konsum und der "Komfortzone". Nicht mehr Teil eines Systems sein, das, wie er meint, vor allem auf Angst beruht.
 

Hygiene und Mahlzeiten müssen geplant werden
 

Es wirkt irgendwie surreal, wenn man Aufnahmen sieht, wie seine Familie ihn noch bis zum Ortsrand im niedersächsischen Harpstedt begleitet. Und dann einfach weiterlaufen lässt. Dass seine Familie das überhaupt mitgetragen hat. Dass er das überhaupt aushält, dass seine Frau ein Jahr ohne ihn auskommt. Denn vieles, was für moderne Menschen selbstverständlich ist, bedurfte nun eingehender Planungen: Fragen der Körperhygiene, Wechsel der Wäsche, regelmäßige Mahlzeiten.
 
Fortan wechselte er seine Kleidung nur noch alle paar Tage, erbettelte sich Mahlzeiten in Restaurants oder suchte sie sich aus Tonnen zusammen. Und gewann dabei immer mehr Abstand zu seinem alten Dasein. Über Internet hielt er aber Kontakt zu seiner Familie. Und er lief und lief, nicht selten rund dreißig Kilometer pro Tag. Seine Kondition stärkte er durch solche Gewaltmärsche, seine Kraft aber nahm ab, wie er selbst feststellte, als er in einem Öko-Dorf beim Bau eines Schuppens aushalf.

 
Auch die Krise blieb nicht aus

 
Man glaubt es sofort, wenn man sieht, wie der vorher drahtige Mann abmagerte. Ein Fernseh-Team unter der Regie von Tanja von Ungern-Sternberg hat ihn dabei begleitet. Auch die Presse nahm von seinem "Lebenslauf" Notiz. Manchmal hatte er Menschen, die mit ihm wanderten, aber meistens war er auf sich alleine gestellt. Auch eine Krise erlebte er, wo er sich fragte, ob das denn nicht total albern wäre, was er da mache. Seine Mutter, schwerkrank bereits bei seinem Aufbruch, starb, während er unterwegs war.
 
Er verbrachte einige Zeit in ihrem Zuhause, wo er auch Besuch von seiner Frau erhielt. Sein altes Leben aber mit Haus und Buchladen mied er. Nach 366 Tagen kam er wieder in Harpstedt an, total verändert. Man sieht ihn fröhlich mit Frau und Kindern in seinem Garten zusammensitzen, aber kann er, will er noch einmal mit seiner Frau und seiner Familie zusammenleben? Es sieht nicht danach aus. Er zieht es vor, in zwei alten Bauwagen zu wohnen. Und will auch weiterhin möglichst mit so wenig Geld wie nur möglich auskommen.
 
Er vergleicht sich mit Don Quijote, aber irgendwie erinnert er mehr an einen modernen Diogenes von Sinope, jenen altgriechischen Philosophen, der nach der Überlieferung in einem Fass lebte und sich von allen äußeren Zwängen befreien wollte. Oder Heilige wie Bruder Klaus von der Flühe. Jens Fröhlke ist sicher kein einfacher Mensch, sondern jemand, der für Kontroversen sorgen dürfte, auch wenn der Film die ausspart. Sehenswert ist die 37 Grad-Sendung aber unbedingt, und sei es auch nur wegen des gewissen Gruselfaktors.
 
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