Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 19°C
1 Kommentar

TV-Kritik: "Zuckersand": Einmal durch den Erdball

Die DDR aus Kindersicht: Fred und Jonas, zwei unzertrennliche Freunde, wollen sich einmal quer durch die Erde bis nach Australien durchgraben.
Die beiden halten zusammen: Trotz unterschiedlicher Prägung sind Fred (Tilman Döbler, l.) und Jonas (Valentin Wessely) die allerbesten Freunde. Bild: BR/Julie Vrabelova Foto: (WDR Presse und Information/Redak) Die beiden halten zusammen: Trotz unterschiedlicher Prägung sind Fred (Tilman Döbler, l.) und Jonas (Valentin Wessely) die allerbesten Freunde. Bild: BR/Julie Vrabelova
Ihre Familien könnten kaum unterschiedlicher sein. Fred (Tilman Döbler) wächst in einer stramm linientreuen DDR-Familie heran. Sein Vater Günther (Christian Friedel) arbeitet beim Zoll und trägt seine Uniform mit Würde. Er hat sich gut mit dem System arrangiert. Nur wenn er am Samstagabend zusammen mit seiner Frau Michaela (Katharina Marie Schubert) "Am laufenden Band" mit Rudi Carell“ sieht, gerät er leicht in Verlegenheit, weil er das vor seinem Sohn geheim halten will.  
 
Freds bester Freund Jonas (Valentin Wessely) dagegen hat nur noch seine Mutter Olivia (Deborah Kaufmann). Sein Vater ist irgendwie schon dem System zum Opfer gefallen. Olivia hat deswegen einen Ausreiseantrag gestellt und Günther seinem Sohn verboten, noch mit Jonas zu spielen. Dabei haben die beiden, angeregt durch Günthers Nachbarn Kaczmareck (Hermann Beyer), schon einen ungewöhnlichen Plan ausgeheckt: Sie wollen sich einmal durch die Erde bis nach Australien auf der anderen Seite durchgraben.
 

Schwierig, bei dem Sand zu graben

 
In einer verlassenen Fabrik nahe der Zonengrenze haben sie angefangen, ein Loch auszuheben. Es ist der fein riesende Sand, der dabei ihre Arbeit erschwert und dem Film seinen Titel gegeben hat. Regisseur Dirk Kummer, der zusammen mit Bert Koß auch das Drehbuch verfasst hat, wuchs selbst in der DDR auf und diente auch bei den Grenztruppen. Er hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden, sich mit der DDR-Geschichte auseinanderzusetzen: Er zeigt sie konsequent aus der Sicht von Zehnjährigen Kindern.
 
Dazu gehört etwa die Staatsbürgerkunde, indem den Kindern mit Hilfe von Streichhölzern die Stärke der Arbeiterklasse vermittelt wird, unter dem wachsamen Blick der Büste Ernst Thälmanns. Dazu gehört der Sportunterricht, wo Ärzte und Trainer potentielle Stärken der Kinder herausfinden, um sie als mögliche Spitzensportler zum Ruhme der DDR heranzuzüchten. Dazu gehört die linientreue, aber auch liebevolle Familie, für die Religion und Gebet – was Jonas‘ Mutter regelmäßig praktiziert – etwas Exotisches darstellt.
 

Fische als Freiheitssymbol

 
Kummer erzählt in vielen filigranen Details von einem System und dessen Zwängen, ohne dabei seine Figuren je aus den Augen zu verlieren. Die kindlichen Phantastereien der Jungen über Seele und Blut – mit dem sie ihre Freundschaft besiegeln – ergeben dabei immer wieder berührende Einblicke über den Wert der Freundschaft an sich. Aale im Wasser stehen dabei schon durch ihre exotische Herkunft aus der Sargassosee stellvertretend für den Wunsch nach Freiheit.
 
Das gilt auch für den Bumerang aus Australien und selbst den Sport, obwohl mit seinen Funktionären fest im Griff des Systems. In heute surreal anmutenden Momenten sinniert  Fred über eine mögliche Teilnahme an Wettkämpfen im Jahr 1989 – der Film spielt im Jahr 1979. Besonders in der Führung seiner beiden kindlichen Hauptdarsteller Valentin Wessely und Tilman Döbler  beweist Kummer dabei viel Fingerspitzengefühl.
 

Der Vater als sympathischer Systemvertreter

 
Kummer lässt sich mit mildem Witz auf die Vorstellungswelt der Kinder ein und stellt auch Freds staatstreue Familie nicht als knochenharte Kommunisten hin: Der Vater steht zwar zum System, aber für den DDR-kritischen  Kaczmareck hätte sie auch ein Bierchen übrig. Wie Kummer seinen Film gestaltet hat, entwickelt einen beachtlichen erzählerischen Sog und hat seinem Film auf dem Filmfest München auch schon den Bernd-Burgemeister-Fernsehpreis eingebracht.
 
Zur Startseite Mehr aus TV-Kritik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse