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Präsident Trump mischt Autobranche auf: Alarmstimmung in Detroit

Von Die Automesse in Detroit, immer noch die Nummer eins auf dem nordamerikanischen Kontinent, bietet ein Neuheiten-Menü mit überwiegend automobiler Alltagskost und wenig Visionärem, aber viel verunsicherndem Gezwitscher.
VW produziert seit den 1960er Jahren im mexikanischen Puebla Autos für den amerikanischen Kontinent. Foto: Volkswagen (dpa) VW produziert seit den 1960er Jahren im mexikanischen Puebla Autos für den amerikanischen Kontinent.
Detroit. 

Business as usual? Es sieht auf den ersten Blick ganz danach aus. Auf der North American International Autoshow (NAIAS) in Detroit rücken die Manager aus den Chefetagen der großen Autokonzerne ihre Neuheiten wie eh und je in den Fokus der Scheinwerfer. Wortreich, gespickt mit Superlativen, verkünden sie, weshalb ihre Premieren-Fahrzeuge die schönsten, besten und tollsten Produkte überhaupt sind. Und gerade im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht es da meistens um große Sport Utility Vehicles (SUV) im Geländewagen-Format oder mächtige Pickups wie etwa der neue Ford F150, der seit 35 Jahren jenen Status einnimmt, der hierzulande dem VW Golf gebührt: das meistverkaufte Auto in den USA.

Auch die deutschen Hersteller, die auf gute Geschäfte im vergangenen Jahr zurückblicken können, stehen den vollmundigen Ansprachen in nichts nach. Die amerikanischen Kunden werden mit Premieren umgarnt, die ganz nach US-Gusto vor allem groß und stark sind: Bei VW das riesige Atlas-SUV, das zum Kampfpreis ab 30 000 Dollar nur in den Staaten angeboten wird, oder der erste siebensitzige Tiguan Allspace, bei Mercedes das E-Klasse Coupé, der AMG-Sportwagen GTC mit 557 PS, eine spezielle „Night Edition“ des edlen S-Klasse-Coupés sowie das Facelift des Kompakt-SUV GLA, bei Audi die Studie des Luxus-SUV-Coupés Q8, deren Serienversion für 2018 erwartet wird, und bei BMW der neue 5er.

Microbus-Legende

Die fernere Zukunft erobert in Form des wirklich schönen Konzeptfahrzeugs I.D.Buzz im Retro-Design die Bühne. Die Neuauflage des legendären Microbus könnte als dritte Spielart des Wolfsburger Elektro-Programms nach Kompaktwagen (2020) und SUV (2021) im Jahr 2022 tatsächlich als batterieelektrischer Van für acht Personen mit bis zu 600 Kilometer Reichweite marktreif sein. Die Studie ist zwar bereits auf voll automatisiertes Fahren ausgelegt, was sich laut Chefdesigner Klaus Bischoff aber frühestens 2025 umsetzen lässt.

Ansonsten mangelt es für die Dauerthemen Elektromobilität, Vernetzung und autonome Fahrzeuge zwar an passenden Anschauungsobjekten, die Hersteller verkünden allerdings unisono, dass sie für die großen Mobilitätsveränderungen bestens gerüstet seien. Alles im Griff also. Dazu die boomende Nachfrage und Verkaufsrekorde. Da müssten die Autobauer in Motown Detroit doch eigentlich in Feierlaune sein. Von wegen. Die Stimmung in der US-Industriemetropole an der kanadischen Grenze wirkt seltsam gedämpft und bisweilen ebenso frostig wie die zweistelligen Minustemperaturen außerhalb der Ausstellungshallen.

Mauerbau vorerst passé

Warum? Der künftigen US-Präsident Donald Trump verunsichert die gesamte Branche. Die Twitter-Botschaften des Multimilliardärs sorgen für Unruhe. Den im Wahlkampf großmäulig angekündigten Plan, eine physische Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, die gefälligst von den ungeliebten Nachbarn zu bezahlen wäre, hat der Immobilienmogul zwar mittlerweile aufgegeben. Dafür zahlen die Mexikaner aber den Preis für die Zollmauern, die Trump hochzuziehen gedenkt. Schlimmer noch: Es reicht allein schon eine kurze, mit 140 Zeichen gezwitscherte bloße Drohung, um milliardenschwere Investitionsentscheidungen in Mexiko zu stoppen oder an der Börse in Japan für Turbulenzen zu sorgen.

Trump hatte Toyota für die Pläne, in Mexiko ein neues Werk zu errichten, heftig kritisiert, so dass sich zur Verteidigung des weltgrößten Autobauers sogar die japanische Regierung einschaltete. Schließlich sei Toyota bereits seit 1986 mit eigenen Produktionsstätten in den USA vertreten, beschäftige dort in mittlerweile zehn Werken 136 000 Mitarbeiter und gelte in Mexiko dagegen eher als kleiner Akteur im Vergleich zu den Konkurrenten Nissan und Honda.

Wenig glaubhafte Dementi

Der zweitgrößte US-Hersteller Ford strich unmittelbar nach der Trump-Kritik sein mexikanisches Investitionsvorhaben von 1,5 Milliarden Euro und verkündete stattdessen zur Freude der Arbeiter in Flat Rock/Michigan, rund 660 Millionen Euro in die dort bestehende Fertigungsstätte zu stecken, um dort künftig Elektroautos zu bauen.

Allerdings bestritt Ford-CEO Mark Fields, dass dies eine unmittelbare Reaktion auf den Trump-Tweet gewesen sei. Was ebenso wenig glaubhaft erscheint, wie das gleichlautende Dementi von Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne. Dessen sonntägliche Ankündigung, eine Milliarde Dollar in den Ausbau zweier bestehender Werke in Warren/Michigan und Toledo/Ohio zu stecken, um die US-Traditionsmarke Jeep in großem Stil auszubauen und damit 2000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, sei von langer Hand geplant gewesen und rein zufällig mit dem präsidialen Gezwitscher zusammengefallen.

Immerhin bezog Marchionne als einziger der großen Autobosse konkret Stellung zum Obama-Nachfolger. Nein, er habe nicht mit Trump oder seinem Team gesprochen, erklärte der 64-jährige Italiener mit dem Pullover-Faible und ergänzt ganz pragmatisch: „Er ist der gewählte Präsident. Wir werden uns anpassen müssen. Uns bleibt auch gar nichts anderes übrig.“

90 Tage Schonfrist

Ja, Marchionne schließt sogar nicht einmal ein Ende seiner Autoproduktion in Mexiko aus. „Sollte es wirklich zu hohen Zöllen für Importe aus dem Nachbarland kommen, ist das durchaus möglich“, meinte der Chef des italo-amerikanischen Konzerns. Das sei alles rein hypothetisch. „Es muss erst Klarheit herrschen. Erst wenn wir die Regeln kennen, können wir konkret reagieren. Das wird frühestens der Fall sein, wenn der Präsident vielleicht 60 oder 90 Tage im Amt ist. Wir sind aber für alle Fälle gerüstet.“ Ob dabei auch eine mögliche Fusion mit General Motors zu einem neuen Autogiganten, wie sie Marchionne ein weiteres Mal als Denkmodell anregte, eine Rolle spielen könnte, blieb offen.

Die deutschen Automanager äußerten sich eher zurückhaltend zu den protektionistischen Ankündigungen des Twitter-Präsidenten. Natürlich würden Strafzölle auch ihnen das Leben erschweren. Mit ähnlichen, gegen sie gerichteten Tweet-Attacken rechnen sie aber eher nicht. VW-Markenchef Herbert Diess baut darauf, dass die Milliarden-Investition in das noch relativ neue US-Werk in Chattanooga entsprechend gewürdigt wird. „Außerdem produzieren wir im mexikanischen Pueblo schon seit 60 Jahren und nicht nur für den US-Markt“, ergänzt er. Bei der VW-Tochter Audi, die im Herbst gerade ihr neues Werk in Mexiko in Betrieb genommen hat, wo der Q5 für die USA und den Weltmarkt gebaut wird, heißt es lapidar, „wir beobachten die Lage genau“.

BMW hat noch Spielraum

Für Dieter Zetsche an der Spitze des Daimler-Konzerns ist zum jetzigen Zeitpunkt alles nur Spekulation. Das mit Kooperationspartner Nissan-Renault geplante Werk in Mexiko ist kurz vor der Vollendung. Für ein Kippen des Projekts wie bei Ford wäre es da eh zu spät. Allenfalls die Kapazitäten, die zunächst für die Nissan-Edelmarke Infiniti genutzt werden und ab 2018 auch die Produktion eines Mercedes-Kompaktwagens umfassen, könnten noch gestutzt werden.

BMW hat da sicher noch den größten Spielraum, da die neue mexikanische Produktionsstätte für den Dreier erst 2019 fertiggestellt wird. Vorstandschef Harald Krüger hatte in einem „Börsen-Zeitungs“-Interview angemerkt, dass er darauf vertraue, dass die US-Regierung das Bekenntnis des Konzerns zum Standort USA anerkennen werde. „Schließlich betreiben wir unser weltweit größtes Werk nicht in München, sondern in Spartanburg im US-Staat South Carolina.“

Planungssicherheit sieht in jedem Fall anders aus. Die Verunsicherung in Detroit ist groß. Denn: Auch wenn der neue US-Präsident in der amerikanischen Autostadt nicht anwesend ist, so ist er doch überall präsent.

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