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Lebensmittelhandel in Deutschland: Amazon greift Supermärkte an

Lange schien der Lebensmittelhandel in Deutschland immun gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Doch mit dem Start des Lieferdienstes „Amazon Fresh“ könnte sich das ändern. Die Amerikaner drängen mit einem großen Angebot auf den Markt.
Ein Mitarbeiter von „Amazon Fresh“ scannt im Depot in Berlin Lebensmittelprodukte, die ausgeliefert werden sollen. Foto: Dirk Mathesius (Amazon) Ein Mitarbeiter von „Amazon Fresh“ scannt im Depot in Berlin Lebensmittelprodukte, die ausgeliefert werden sollen.
Berlin. 

Bei vielen Lebensmittelhändlern in Deutschland dürften am Donnerstag die Alarmglocken geklingelt haben. Denn mit dem Start des Lieferdienstes Amazon Fresh in Teilen Berlins und Potsdams hat der US-Internetgigant seinen lange erwarteten Angriff auf Deutschlands Supermärkte begonnen. Rund 85 000 Produkte von der frischen Hühnerbrust über Erdbeeren bis zur Tiefkühlpizza bietet der Lieferdienst bereits zum Start an. Das Angebot ist damit fast zehn Mal so groß wie in einem normalen Supermarkt. Geliefert werden die Lebensmittel von der Post-Tochter DHL. Die hat bereits Erfahrung mit der Lieferung von frischen Lebensmitteln. Das Tochterunternehmen „Allyouneed fresh“ liefert bereits bundesweit frische Waren und Tiefkühlartikel – allerdings in der Regel nicht am gleichen Tag.

Viele Start-ups und auch etablierte Unternehmen holen sich Rechenleistung bei Amazons Cloud-Sparte AWS mit dem Speicherdienst S3. Foto: Reed Saxon/Symbolbild
Kommentar: Vielversprechendes Abenteuer

Ist der Einstieg von Amazon Fresh in den deutschen Lebensmittelmarkt nun überfällig oder eher wagemutig, vielleicht sogar halsbrecherisch?

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Branche ist nervös

„Mit Amazon wird sich der Wettbewerb im Lebensmittelhandel weiter verschärfen“, warnte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) Stefan Genth wenige Stunden nach dem Start. Die Branche ist nervös. „Alle großen Lebensmittelhändler werden extrem aufmerksam beobachten, was jetzt in Berlin passiert: Ob es Amazon gelingt, die letzte Bastion des traditionellen Handels zu stürmen, die bislang vom Onlineboom verschont blieb“, meint Kai Hudetz vom Kölner Handelsforschungsinstitut IFH.

Info: Was setzen die anderen Amazon entgegen?

Zu den Vorreitern im Online-Geschäft mit Lebensmitteln gehört die Kölner Rewe -Gruppe mit einem Jahresumsatz im E-Commerce von knapp über 100 Millionen Euro.

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Es geht um einen riesigen Markt. Rund 170 Milliarden Euro geben die Bundesbürger Jahr für Jahr im Lebensmitteleinzelhandel aus. Nur rund ein Prozent der Lebensmittel wird online eingekauft. Wohl auch aufgrund der hohen Dichte an Supermärkten in Deutschland. Doch Amazon trauen Hudetz und andere Branchenkenner zu, das zu ändern – zulasten der Platzhirsche Edeka, Rewe oder Aldi.

Bestellungen von Amazon bis 12.00 Uhr mittags sollen noch am selben Tag in einem ausgewählten 2-Stunden-Fenster zum Abendessen geliefert werden. Bei einem Auftrag bis 23.00 Uhr kommt die Ware am nächsten Tag in einem ausgewählten Zwei-Stunden-Fenster. Amazon sichert zu, dass für einen Artikel, der kurzfristig nicht mehr verfügbar sei, ein für den Kunden kostenloses Ersatzprodukt geliefert werde. Bei frischer Ware, die „nicht den Erwartungen entspricht“, soll der Kaufpreis zurückerstattet werden.

Der Internetriese selbst zeigte sich zum Start demonstrativ bescheiden. „Die Messlatte im Lebensmitteleinzelhandel liegt sehr hoch“, betonte Amazon-Manager Ajay Kavan. Das Unternehmen werde sich die Zeit nehmen, um den Service kontinuierlich zu verbessern, bevor das Angebot schrittweise auch auf andere Regionen ausgeweitet werde.

Teurer Service

Ohnehin kommt „Amazon Fresh“ mit einem Preisschild daher, das manche preissensiblen Kunden abschrecken dürfte. Erstens muss für 69 Euro im Jahr eine Mitgliedschaft im Abo-Dienst Amazon Prime abgeschlossen werden. Zweitens wird ein Aufschlag von 9,99 Euro im Monat für den Service „Amazon Fresh“ fällig, und drittens verlangt Amazon einen Mindestbestellwert von 40 Euro, damit die Lieferung kostenfrei erfolgt. Sonst kostet der Transport 5,99 Euro.

„,Amazon Fresh‘ wird kein Thema für die breite Masse“, ist deshalb der Handelsexperte Hudetz überzeugt. „Es ist vor allem attraktiv für Zielgruppen, die mehr Geld haben als Zeit.“ Das bestätigt eine gestern veröffentlichte Studie der Beratungsgesellschaft Ernst&Young, die auf einer Befragung von 1400 Bundesbürgern basiert: Von den Befragten, die mehr als 7000 Euro im Monat verdienen, bestellen immerhin 20 Prozent gelegentlich Lebensmittel im Onlineshop. Im bundesweiten Durchschnitt liegt der Anteil demnach nur bei 15 Prozent.

Auch der Handelsexperte Mirko Warschun von der Unternehmensberatung A.T. Kearney glaubt nicht an dramatische Umwälzungen im Lebensmittelhandel in den nächsten Jahren. „Der Onlinehandel wird bei Lebensmitteln auch in naher Zukunft nicht annähernd die Bedeutung haben, wie etwa bei Bekleidung oder Unterhaltungselektronik.“ Doch werde seine Bedeutung zunehmen. Bis 2025 dürfte sich der Online-Umsatz mit Lebensmitteln bundesweit von derzeit etwa einer Milliarde auf rund zehn Milliarden Euro pro Jahr erhöhen, schätzt er.

Amazon werde dabei eine herausragende Rolle spielen, ist der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein überzeugt. Er kann sich vorstellen, dass es Amazon gelingt, sich in den Metropolen fünf Prozent der Lebensmittelumsätze zu sichern. Sein Eindruck: „Der erste Riss ist da. Der Dammbruch bahnt sich an.“

Ein Selbstläufer sei der Einstieg von Amazon in den Handel mit frischen Lebensmitteln aber nicht, meint HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. „Der Lebensmittelmarkt in Deutschland ist einer der wettbewerbsintensivsten der Welt. Die Margen sind gering, die Kunden anspruchsvoll. Das wird auch für ,Amazon Fresh‘ eine Herausforderung“, ist er überzeugt.

Ausgeliefert wird von einem speziellen Lager in Berlin-Tegel. „Die beiden Platzhirsche Amazon und DHL arbeiten schon lange zusammen und könnten den Onlinelebensmittelhandel auf ein relevantes Niveau heben“, prognostiziert Lars Hofacker, Leiter des Forschungsbereichs E-Commerce beim EHI Retail Institute. „Mit DHL lässt sich ein nationaler Ausbau sehr gut vorantreiben und könnte damit die Lieferung von Lebensmitteln auch außerhalb der Ballungszentren ermöglichen.“ Als nächster Standort dürfte München starten, wo bereits ein neues Lager mit großem Frischebereich an den Händler übergeben wurde.

(dpa,pan)
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