E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 17°C

Handwerk: Auftragsbücher der Handwerker sind proppenvoll - lange Wartezeiten für Kunden

Von Hessens Handwerksbetriebe können sich vor Aufträgen kaum retten. Nach einem ausgezeichneten Jahr 2017 blickt die Branche optimistisch ins neue Jahr und rechnet erneut mit einem kräftigen Umsatzanstieg. Der Fachkräftemangel bereitet die größte Sorge.
Auch auf Maler müssen Kunden schon mal mehrere Wochen warten. Foto: Oliver Stratmann (dpa) Auch auf Maler müssen Kunden schon mal mehrere Wochen warten.
Wiesbaden. 

Die Auftragsbücher der gut 74 000 hessischen Handwerksbetriebe sind proppenvoll. „Die Aufträge haben eine Reichweite von durchschnittlich acht Wochen“, beschreibt Bernd Ehinger, Präsident des Hessischen Handwerkstages (HHT), die aktuelle Lage. Was Maler- und Elektrofirmen, Bau- und Installationsunternehmen Planungssicherheit und stetige Einnahmen garantiert, die Beschäftigung sichert und finanziellen Spielraum für Investitionen gibt, ist für viele Kunden jedoch ein großes Ärgernis. Denn die Wartezeiten auf die Handwerker können bei Neubauten oder größeren Renovierungsmaßnahmen schon mal neun bis zehn Wochen betragen, wie Ehinger eingestand. Allerdings fügte er hinzu: „Wer eine schnelle Reparatur benötigt, dem wird auch sofort geholfen.“ Dies gelte vor allem für Kunden, die schon länger mit einem Handwerksbetrieb in geschäftlichen Beziehung stünden.

Dennoch ist im Handwerk längst nicht alles Gold, was glänzt. Denn durch den sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel „stoßen zahlreiche Betriebe an ihre Kapazitätsgrenzen“, so der HHT-Präsident und Inhaber eines Frankfurter Elektrobetriebes. „Der Markt für qualifizierte Leute ist leer gefegt“, stimmt Ehinger in den Chor der Klagenden ein. Die Betriebe hätten noch mehr Mitarbeiter und mehr Azubis eingestellt, wenn sie verfügbar gewesen wären. Die Branche beschäftigt rund 340 000 Mitarbeiter in Hessen und hat 10 390 neue Lehrverträge abgeschlossen. Das sind gut drei Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Von den neuen Lehrlingen ist inzwischen fast jeder Zehnte ein Flüchtling. Damit hat sich deren Zahl binnen Jahresfrist fast verdoppelt. Das sei eine bemerkenswerte Integrationsleistung des Handwerks, lobte Ehinger die Firmen, in der Regel Familienbetriebe mit fünf Beschäftigten.

Lesen Sie zum Fachkräftemangel im Handwerk auch den Kommentar von Wirtschaftsreporter Michael Balk.

Doch bei der Rekrutierung von qualifizierten Mitarbeitern und von geeigneten Lehrstellen-Bewerbern hat das Handwerk große Probleme. Angesichts rückläufiger Schulabgänger mit einem steigenden Anteil von Abiturienten, die an die Universitäten drängten, habe das Handwerk meist das Nachsehen. „Wir versuchen alles“, sagt Ehinger. Und es klingt dennoch eine Portion Ratlosigkeit aus seinen Worten. Es gibt zwar Ansätze, die Lehrberufe im Handwerk als attraktive Alternativen zum Studium erscheinen zu lassen. Doch bislang ist der Erfolg ausgeblieben. Früher seien 15 Prozent eines Jahrgangs an der Hochschule gelandet, erinnert sich der Präsident, heute seien es 60 Prozent. Darin sieht er ein gesellschaftliches Problem, das seine Branche allein nicht lösen könne.

Gutes Gehalt für Meister

Aus Sicht der meisten Eltern sei die Uni nach wie vor der Königsweg für ihre Kinder. Dabei werde aber gerne verkannt, dass heute ein Meister beim Gehalt mit einem Juristen in jungen Berufsjahren auf Augenhöhe sei. „Unter 5000 Euro geht da nichts.“ Kritik übt Ehinger auch an den Lehrern in den Schulen. In deren Beschreibungen komme das Handwerk im Vergleich zum Studium immer schlechter weg. Das müsse sich schleunigst ändern, fordert er.

Damit das Handwerk auch künftig schwarze Zahlen schreibt, soll die Digitalisierung in den Firmen vorangetrieben werden. „Wir wollen die Betriebe aus dem Dornröschenschlaf erwecken“, nennt es HHT-Vizepräsident Jochen Honikel. Im Auftrag der hessischen Handwerkskammern kümmern sich drei Digital-Berater darum, dass die Betriebe den Anschluss an den technischen Fortschritt und die digitale Transformation nicht verpassen. Deren Zahl müsse aber dringend aufgestockt werden, sagt Honikel mit Blick auf die wenigen Leuchtturm-Projekt im Bundesland. So setzte etwa ein Dachdecker eine Drohne ein, um das Dach zu besichtigen. Oder ein Zahntechniker nutze die 3-D-Technik für seine Zahnprothesen und Brücken.

Autobauer sollen zahlen

Am Herzen liegt Bernd Ehinger das Thema „Fahrverbote für Diesel in Innenstädten“. Das würde die Handwerksbetriebe schwer treffen. Etwa 350 000 Dieselfahrzeuge seien auf hessische Betriebe zugelassen. „Es darf nicht sein, dass wir die Fehler anderer ausbaden müssen“, betont er. Er plädiert für eine Umrüstung, damit der Schadstoffausstoß geringer werde. „Dafür muss aber die Autoindustrie die Kosten übernehmen“, lautet seine unmissverständliche Forderung.

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen