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Abfindungsprogramm: Ausstiegswillige Opelaner hängen in der Luft

Von Hektik und Unruhe beim Autobauer Opel nehmen zu. Der Streit zwischen Betriebsrat und Management über die Umsetzung des großzügigen Abfindungsprogramms ist durch eine neue Vereinbarung vorübergehend beigelegt. Ein Insider sagt: „Auf dem Rücken der Betroffenen.“
Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug: „Uns laufen die Leute weg.“ Bilder > Foto: Boris Roessler (dpa) Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug: „Uns laufen die Leute weg.“
Rüsselsheim. 

Opel muss sein Personal drastisch reduzieren, damit die Kosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau abgesenkt werden, fordert der französische PSA-Konzern als neuer Eigentümer des deutschen Automobilherstellers. Das anvisierte Ziel soll mit Hilfe von Vorruhestands-, Altersteilzeit- und Abfindungsmaßnahmen erreicht werden. Dazu haben Geschäftsleitung und Betriebsrat eine Vereinbarung getroffen und unterzeichnet. Das Abfindungsprogramm sieht Zahlungen vor, die bis zu 275 000 Euro erreichen können.

Doch Management und Arbeitnehmervertretung haben die Rechnung ohne die Mitarbeiter gemacht. Denn die angepeilte Personalreduzierung der 19 000-Mitarbeiter-Mannschaft um 3700 Leute bis 2020 ist nach einer Berechnung des Betriebsrates allein schon durch das Ausscheiden älterer Opelaner gewährleistet.

Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug beklagte angesichts der sich abzeichnenden Abwanderungswelle: „Uns laufen die Leute weg. Das ist die eigentliche Dramatik der aktuellen Situation.“ In diesem Zusammenhang fiel denn auch der Begriff „Massenexodus“. Über den notwendigen Umfang der verschiedenen Abfindungsprogramme gab es zuletzt heftigen Streit zwischen der Opel-Führung und den Arbeitnehmervertretern. Der Betriebsrat verweigerte die Zustimmung zum Ausstieg. 70 Mitarbeiter aus dem Montagewerk Eisenach waren davon betroffen. Sie dürfen aber nun gehen.

400 können gehen

Nun haben beide Parteien einen Deal gemacht, der eine Pause in der Umsetzung vorsieht. Das geht aus internen Informationen hervor, die Geschäftsleitung und IG Metall am Mittwoch an die Belegschaft gegeben haben. Da der Betriebsrat im Gegenzug sämtlichen noch im Mai fälligen Aufhebungsverträgen zustimmen will, können laut Personalabteilung rund 400 Opelaner das Unternehmen mit den Abfindungen verlassen.

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Opel hat sich verpflichtet, bis zum 28./29. Mai keine neuen Aufhebungsverträge mehr abzuschließen oder zuzusagen. Auch darf die Personalabteilung keine Unterschriften von ausstiegswilligen Mitarbeitern einholen oder bei Eigenkündigungen Sozialplan-Abfindungen anbieten. Erlaubt bleiben aber Beratungsgespräche mit Interessenten. Das weitere Vorgehen soll auf der nächsten Sitzung ab dem 28. Mai beraten werden. Opel versicherte den übrigen Ausscheidewilligen, dass man „gute Lösungen“ für Mitarbeiter und Unternehmen finden werde.

Warum das Ausstiegsszenario nun abrupt gestoppt wurde und mehrere Hundert wenn nicht Tausend Opelaner vor einer unsicheren Zukunft stehen, hat die Personalabteilung so begründet: „Zur Vermeidung gerichtlicher Auseinandersetzung und auf dringenden Vorschlag des Einigungsstellenvorsitzenden.“

Dramatische Szenen

Ein Opel-Insider berichtete von dramatischen Szenen, die sich am Mittwoch vor der Personalabteilung im fünften Stock des Adam-Opel-Hauses, der Unternehmenszentrale in Rüsselsheim, abgespielt haben: „Verzweifelte und wütende Mitarbeiter haben versucht, mit der Personalabteilung ins Gespräch zu kommen – vergebens.“ Auch der Versuch, mit dem Betriebsrat zu reden, sei gescheitert. „Keiner ging ans Telefon. Die Büros waren verschlossen.“

Pingpong-Spiel

Der Zorn dieser Menschen richte sich gegen Geschäftsleitung wie Betriebsrat. Denn diese Opel-Angestellten hätten sich bereits vor Wochen zum freiwilligen Ausscheiden nach dem 28./29. Mai entschieden, teils auch schon die entsprechenden Verträge unterschrieben. „Sie haben einen Schlussstrich als Opel-Arbeitnehmer gezogen, den Ausstieg gegenüber ihren Vorgesetzten und Kollegen kommuniziert, teilweise bereits die Wohnung gekündigt und an anderer Stelle Arbeitsverträge unterzeichnet“, so der Insider gegenüber dieser Zeitung. Deren weitere Berufs- und Lebensplanung sei nun mit großen Fragezeichen versehen, weil sich Opel an einmal geschlossene Verträge nicht mehr halte.

„Wo bleibt da die Vertragstreue und Fürsorgepflicht den Mitarbeitern gegenüber?“, fragt sich der Opel-Kenner. Er vermutet, dass auf dem Rücken der Belegschaft ein unappetitliches Pingpong-Spiel zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung stattfinde. Und er ist überzeugt, dass von dieser „Vollbremsung“ bis zu 2000 Opelaner betroffen sein könnten, „die nun total in der Luft hängen“.

Schleichender Niedergang

Der Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, Jörg Köhlinger, hielt PSA-Chef Carlos Tavares und Opel-Chef Michael Lohscheller erneut eine inakzeptable Hinhaltetaktik vor. Entgegen den Ankündigungen habe die IG Metall, die in Gestalt ihres ehemaligen Vorsitzenden Berthold Huber die Verhandlungen begleitet, immer noch keine neuen Unterlagen oder Terminvorschläge erhalten. Er fordert zum wiederholten Mal von Tavares, endlich die Zukunftspläne für die Opel-Standorte auf den Tisch zu legen.

„Ich kann nicht erkennen, was die Strategie von PSA und von Opel ist“, erklärte Gewerkschafter Köhlinger. „Es ist überfällig, schnell und verlässlich mit Betriebsräten und mit der IG Metall über die konkrete Ausgestaltung des Sanierungsplanes PACE zu verhandeln und damit konstruktiv die Zukunft von Opel anzugehen. Stattdessen drohen der schleichende Niedergang des Unternehmens und seine nachhaltige Beschädigung.“

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