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Poker um Stada beginnt von Neuem: Bad Vilbeler Unternehmen ist ins Fadenkreuz schwerreicher Finanzinvestoren geraten

Von Das Bad Vilbeler Unternehmen Stada Arzneimittel kommt nicht zur Ruhe. Der Übernahmepoker wird wohl neu gestartet. Eine spektakuläre Personalrochade an der Spitze macht den Weg dafür frei. Was steckt hinter dem Kampf der Finanzinvestoren um das von Apothekern gegründete Unternehmen? Welche Folgen hat ein solcher Deal für Mitarbeiter und Kunden? Wir versuchen, Antworten zu finden.
Die Stada-Zentrale in Bad Vilbel Die Stada-Zentrale in Bad Vilbel
Frankfurt. 

Eine Woche nachdem die geplante Übernahme des im MDax notierten Pharmazie-Unternehmens Stada gescheitert ist, platzte die nächste Bombe: Der amtierende Vorstandsvorsitzende Matthias Wiedenfels und der langjährige Finanzvorstand Helmut Kraft wurden vom Aufsichtsrat von ihren Ämter entbunden.

  Warum wurden Vorstands- und Finanzchef gefeuert?

Gerüchte, dass Stada-Chef Wiedenfels und der Aufsichtsratsvorsitzende Carl Ferdinand Oetker über unterschiedliche Strategien zerstritten seien, gab es schon länger. Das Fass zum Überlaufen gebracht haben am Dienstag konkrete Spekulationen, dass die beiden Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven, die mit ihrem Übernahmeplan nur knapp gescheitert waren, einen neuen Anlauf nehmen wollen. Obwohl auch das alte Führungsgespann dem durchaus wohlwollend gegenüberstand, glaubte das Aufsichtsgremium offenbar, die Besetzung des Spitzenduos den künftigen Großaktionären überlassen zu müssen. Daher wurden Wiedenfels/Kraft wohl gefeuert und durch zwei Manager ersetzt, die interimistisch nur bis Ende des Jahres berufen wurden. Sollte eine Übernahme in der Zwischenzeit zustande kommen, hätten die neuen Bestimmer in Bad Vilbel freie Hand, um die Führung mit Personen ihres Vertrauens neu besetzen zu können.

  Ist der Weg für Bain Capital und Cinven nun frei?

Noch nicht. Die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung durch die Finanzaufsichtsbehörde Bafin macht die sonst vorgeschriebene Sperrfrist von einem Jahr zwar zur Makulatur. Doch auch die im Bieterkampf unterlegenen Konkurrenten dürfen wieder an den Pokertisch zurückkehren. Genau das wurde gestern kolportiert: Advent und Permira erwögen einen neuen Anlauf zum Kauf des Arzneimittelherstellers, berichtete die „Wirtschaftswoche“.

  Warum kämpfen Finanzinvestoren wie die Löwen um Stada?

Stada gilt als ein Rohdiamant, der durch den richtigen Schliff noch ein Vielfaches wertvoller und ertragreicher gemacht werden kann. Das Unternehmen gilt als schlecht geführt und hat den Ruf, dass Ertragspotenziale nicht richtig ausgeschöpft wurden. Zudem spielen Auf- und Abspaltungsüberlegungen in den Köpfen von Finanzinvestoren stets eine Rolle. Dadurch erhoffen sie sich große Wertsteigerungen. Seit dem Beginn des Übernahmekampfes hat die Stada-Aktie rund 40 Prozent an Wert gewonnen. Bei einem Aktienkurs von 66 Euro wird der Pharmakonzern von den Anlegern mit 5,3 Milliarden Euro bewertet. Darin sehen die Finanzinvestoren aber noch nicht das Ende der Fahnenstange.

  Woher kommt das Geld der Finanzinvestoren?

Versicherer, Pensionsfonds und reiche Privatanleger haben der Beteiligungsbranche Milliarden anvertraut, die sie möglichst lukrativ investieren soll. Das ist die Geldquelle der Finanzinvestoren. Weltweit sind Billionen Dollar verfügbar, die nach profitablen Anlagechancen suchen und miteinander konkurrieren. In den vergangenen zwei Jahren sind auch deutsche Mittelständler immer mehr in den Fokus dieser Anleger geraten. Nach Hochrechnungen der Unternehmensberatung PwC haben Finanzinvestoren im vergangenen Jahr im deutschsprachigen Raum Firmenübernahmen in Höhe von insgesamt 25 Milliarden Euro gestemmt – Tendenz steigend.

  Welches Geschäftsmodell verfolgen sie?

Im Unterschied zu langfristig ausgerichteten strategischen Investoren, haben Finanzinvestoren einen zeitlich überschaubaren Anlagehorizont und sind „exit-orientiert“. Nach fünf bis zehn Jahren steigen sie in der Regel aus ihrem Investment wieder aus und hoffen darauf, richtig Kasse machen zu können. Finanzinvestoren haben in der Regel kein weitergehendes Interesse an den Technologien und Entwicklungsvorhaben eines Beteiligungsunternehmens oder dem Zugang zu Know-how. Der Finanzinvestor ist oft bestrebt, eine neue Führung zu installieren, um auf diesem Weg Einfluss auf das Tagesgeschäft zu haben. Meist begrenzt er seine Kontrolle aber auf eine regelmäßige Abfrage der wirtschaftlichen Eckzahlen und die Mitentscheidung bei wichtigen Vorhaben.

  Wer sind die größten dieser Branche?

Die global aktiven Finanzinvestoren werden gerne auch als „Heuschrecken“ bezeichnet, die aussichtsreiche Firmen abgrasen und anschließend weiterfliegen. Als Pionier gilt der US-Investor Kohlberg, Kravis, Robert – kurz KKR. Branchenkrösus ist mit weitem Abstand die Blackstone Group.

  Was bedeutet eine Übernahme für Mitarbeiter, Kunden, Aktionäre und die Stadt Bad Vilbel?

Für Kunden wird sich nichts ändern. Die Produkte, die Stada an Privatkunden vertreibt – Ladival Sonnenschutz, Grippostad gegen Erkältungskrankheiten oder Echte Hustenbonbons – sind etablierte Marken und dürften nicht zur Disposition stehen. Es sei denn, diese Unternehmenssparte stünde zum Verkauf.

Die Mitarbeiter sind hin- und hergerissen über die andauernden Turbulenzen, die ihr beschauliches Wetterau-Städtchen erschüttern. Konkrete Sorgen um Standorte und Arbeitsplätze sind aktuell unbegründet. Aussagen über scharfe Restrukturierungsmaßnahmen gibt es von den Finanzinvestoren bislang nicht. Der Betriebsrat hatte das Aus für den Kauf durch die Finanzinvestoren zunächst begrüßt.

Der Wirtschaftsdezernent der Stadt Bad Vilbel Klaus Minkel wollte zuletzt noch keine abschließende Einschätzung abgeben. Doch könne für ihn „die Stadt Bad Vilbel mit einer Stada wie bisher gut leben“. Zumal das Bad Vilbeler Unternehmen bei einer Übernahme selbst wesentliche Teile des Kaufpreises aufbringen müsse. Dies trage zu einer Bilanzverschlechterung und damit einer reduzierten Gewerbesteuerzahlung bei, hatte er gegenüber dieser Zeitung geäußert.

Die Stada-Aktionäre sind bereits reich belohnt worden. Der Aktienkurs ist seit der ersten Offerte durch die Decke gegangen. Die Anteilsscheine haben sich seitdem um rund 40 Prozent verteuert. In den zurückliegenden fünf Jahren hat sich der Kurs der Dividendenpapiere in etwa verdreifacht – ein lohnendes Investment also.

  Was sagen Analysten dazu?

Das Frankfurter Analysehaus Independent Research hat die Aktie in Erwartung einer baldigen neuen Übernahmeofferte von „Verkaufen“ auf „Halten“ hochgestuft und das Kursziel von 50 auf 66 Euro angehoben. Da die Finanzinvestoren Bain und Cinven erwögen, einen Antrag auf Befreiung von der einjährigen Sperrfrist zur Abgabe eines erneuten Gebots zu stellen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es schneller als bisher von ihm erwartet dazu komme, schrieb Analyst Bernhard Weininger. Seine Bewertung enthalte daher nun eine Übernahmeprämie von 30 Prozent.

  Wie steht Stada heute da?

Der Fokus von Stada liegt auf Produkten mit patentfreien pharmazeutischen Wirkstoffen im Gesundheits- und Pharmamarkt. Mit knapp 11 000 Mitarbeitern weltweit setzte der Konzern im Geschäftsjahr 2016 knapp 2,2 Milliarden Euro um. Die Erlöse verteilten sich zu 59 Prozent auf Generika – das sind Nachahmer-Arzneien, deren Patente ausgelaufen sind – und zu 41 Prozent auf Markenprodukte. Der Konzerngewinn belief sich auf rund 93 Millionen Euro. An die Aktionäre wurde eine Dividende in Höhe von 0,72 Euro je Aktie ausgeschüttet. Gegründet wurde Stada 1895 von Apotheker-Vereinen, die Gemeinschaftspräparate herstellten.

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