Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C

Brauchen wir noch Banken?: Banken: Eine Branche im Würgegriff von Nullzins, Digitalisierung und Regulierung

Von Die Finanzkrise scheint überwunden, doch die Probleme für Banken bleiben: Der Nullzins zehrt an den Einnahmen, die Digitalisierung verändert Geschäft und Wettbewerb, strengere Regulierung belastet.
Bankentürme prägen (neben dem Henninger-Turm) die Skyline von Frankfurt – doch die Branche steht vor enormen Herausforderungen. Foto: Arne Dedert (dpa) Bankentürme prägen (neben dem Henninger-Turm) die Skyline von Frankfurt – doch die Branche steht vor enormen Herausforderungen.
Frankfurt. 

Der Vorstandschef einer norwegischen Großbank verkündete die Partnerschaft mit einem gerade gegründeten Fintech, stellte etwas gönnerhaft dessen jungen Macher vor – und war doch recht verdutzt, als der spottete: „Mein dreijähriger Sohn spielt gern mit Dinosauriern – und ich auch.“ Es gebe Start-ups, die Teenager vor wenigen Jahren gegründet hätten und die heute an der Börse mehr wert seien als die Deutsche Bank, sagt der britische Buchautor Chris Skinner. Das zeige, wie groß die Herausforderungen für die existierenden Institute seien – sie müssten sich in der digitalen Welt zu Marktplätzen und Plattformen wandeln, die für jedermann offen sind: „eine Revolution“. Banker müssten von Kontroll-Freaks zu Kuratoren werden, die ihren Kunden die besten Apps und Produktangebote empfehlen.

Was er meint, unterstreicht der frühere Bundesbank-Präsident Axel Weber, indem er auf Airbnb verweist: „Kein Mensch hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass wir für die Buchung einer Übernachtung nicht mehr klassische Hotel-Angebote nutzen würden, sondern ein Portal, das noch nie ein Hotel besessen hat.“ Es werde oft behauptet, die größte Herausforderung für Banken seien Fintechs, so Weber, der heute Verwaltungsratschef der Schweizer UBS ist: „Das ist nicht der Fall.“ Es seien die großen internationalen Technologiekonzerne, also Google, Apple, Amazon oder Paypal, bei denen die Gefahr bestehe, „dass sie den Markt übernehmen“.

Eine digitale Plattform

Die Menschen bräuchten Bankgeschäfte, aber nicht unbedingt Banken, sagt auch der Chef des niederländischen Finanzkonzerns ING, Ralph Hamers – und zitiert damit einen schon mehr als 20 Jahre alten Ausspruch von Microsoft-Gründer Bill Gates. Im Grunde benötigten Privatkunden nur fünf Bankprodukte (diese Philosophie der Einfachheit hat die deutsche Tochter ING-DiBa umgesetzt) – und die gebe es auch im Internet: „Die Bank der Zukunft wird eine digitale Plattform sein.“ Wichtiges Kennzeichen solcher Web-Plattformen wiederum: Die Nutzer sind häufig Anbieter und Kunde gleichzeitig; sie bieten also beispielsweise bei Airbnb zeitweise ihre Wohnung an, buchen auf dem Portal aber auch ihren Urlaub.

Nun hat sich Gates’ Aussage offensichtlich nicht bewahrheitet, zumindest bisher nicht. Durch die Nullzins-Politik der Notenbanken sind allerdings die Banken als Unternehmen schwer unter Druck geraten, ist doch ihre wichtigste Einnahmequelle weggefallen. Bekanntlich war das klassische Geschäftsmodell, Einlagen von Kunden hereinzunehmen und gegen höhere Zinsen wieder als Kredite zu vergeben. Zudem lag die Laufzeit der Kredite in der Regel höher – und je länger die Laufzeit, desto höher die Verzinsung.

Heutzutage dagegen gibt es Geld im Überfluss zum Nullzins, auf Einlagen kassiert die EZB Strafzinsen (welche die Banken nicht an Privatkunden weitergeben, damit sie nicht die Flucht ergreifen). Verlängere man den aktuellen Nullzins ins Unendliche, werde das keine Bank überleben, warnt Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken und künftig Co-Chef der DZ Bank.

Als Ausweg bliebe, Zins- durch Provisionseinnahmen zu ersetzen – doch der Findigkeit bei Gebühren setzen Verbraucherschützer und Gerichte lästige Grenzen. Die strengere Regulierung nach der Finanzkrise wiederum (auch wenn sie bestimmte Bankgeschäfte vor Konkurrenz schützt, so wie deutsche Gesetze Taxifahrer vor Uber) erhöht die Kosten, die Digitalisierung den Wettbewerb.

Enge Kundenbeziehung

Es bleibt die – oft über Jahrzehnte gewachsene – Kundenbeziehung. UBS-Verwaltungsratschef Weber: „Wir müssen den Kunden dort abholen, wo wir die beste Beziehung haben.“ Im Fall der UBS sei dies die Vermögensverwaltung.

Viele Menschen vertrauen ihrem Berater, Internet-Angebote dagegen können sie nicht einschätzen. Nicht jeder ist schließlich ein Börsenprofi – und die Einlagensicherung ist ein unschlagbares Argument, wenn es um die Frage geht, ob man seine Ersparnisse einer Bank oder Sparkasse anvertrauen sollte oder irgendeinem Graumarkt-Anbieter.

Banking werde im Privatkundengeschäft eingebunden sein in die digitale Identität der Menschen, sagt Deutsche-Bank-Chef John Cryan vorher. Vielleicht schon in fünf Jahren würden Banken nicht wiederzuerkennen sein im Vergleich zu früher, meint Cryan, das dürfte auch viele Arbeitsplätze kosten: „In unseren Banken gibt es Menschen, die wie Roboter arbeiten. Morgen werden wir Roboter haben, die wie Menschen arbeiten.“

Wie der Regionalchef einer deutschen Großbank leicht resigniert berichtet: „Mein Sohn war noch nie in einer Bankfiliale. Er weiß gar nicht mehr, was ein Schalter ist.“ Jugendliche wollen ihre Geschäfte 24 Stunden an sieben Tagen die Woche erledigen – das kann naturgemäß keine Filiale leisten. „Die Kunden heute haben immer weniger Zeit – und die wollen sie nicht mit Bankgeschäften zubringen, sondern lieber auf Facebook“, sagt ING-Chef Hamers.

Keine Geldautomaten

Zudem bleiben Nischen für hochspezialisierte Anbieter: Man begleite seit jeher deutsche Firmenkunden – insbesondere Mittelständler – in alle Welt und finanziere deren Investitionen, unterstreicht Commerzbank-Chef Martin Zielke. Große Dax-Konzerne könnten sich direkt am Kapitalmarkt refinanzieren: „Sie brauchen uns nicht zwingend. Doch das ist beim klassischen Mittelstand – also dem Kern der deutschen Wirtschaft – ganz anders.“ Erwartet werde ein vertrauensvoller Umgang mit den Daten der Unternehmen. Seit jeher sammeln Kreditinstitute Informationen über die Bonität von Kunden, und Hunderte Millionen überweist kein Finanzchef über irgendeine Smartphone-App ins Ausland.

Obendrein gibt es noch eine Besonderheit speziell in Deutschland: Die Bevölkerung liebt ganz klassisch Scheine und Münzen. „Für viele Kunden spielt Bargeld – und woher sie es bekommen – eine wesentliche Rolle“, sagt Postbank-Chef Frank Strauß. Auch Bundesbank-Studien unterstreichen, dass Kartenzahlung in Deutschland weit weniger verbreitet ist als beispielsweise in Schweden oder den USA. Und Fintechs betreiben nun einmal keine Geldautomaten.

Immerhin könnten Banken noch auf eine andere Art und Weise davon profitieren, dass es Fintechs gibt – und sie als Experimentierfeld nutzen, wie auch UniCredit-Vorstandschef Jean Pierre Mustier meint. Viele dieser Firmen würden scheitern, manche jedoch ein erfolgreiches Produkt entwickeln. Und dann werde UniCredit entweder mit diesen Fintechs als Partner zusammenarbeiten – die Silicon-Valley-Riesen wiederum würden sich, so meint er in typischem Branchenjargon, mit Banken zusammenschließen müssen, da der Eintritt in einen streng regulierten Markt mit niedriger Profitabilität nicht den effizientesten Einsatz ihres Kapitals darstelle. Oder man werde das Angebot erfolgreicher Start-ups kopieren: „Und wir werden sehr schnell und gut kopieren“, kündigt Mustier an und schiebt als Antwort auf den eingangs zitierten Fintech-Gründer nach: „Ich bin kein Dinosaurier.“

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse