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Heftiger Experten-Streit ausgebrochen: Börsenfusion Frankfurt-London: Ein „teuflischer“ Zusammenschluss

Von Die Studie von Prof. Schiereck zur geplanten deutsch-britischen Börsenfusion stößt auf heftige Kritik. Ein Gefälligkeitsgutachten, das eines Wissenschaftlers unwürdig sei, lautet einer der Vorwürfe.
Die Gelehrten streiten darüber, ob die geplante Börsenfusion dem Finanzplatz Frankfurt nützt oder eher schadet. Blick aufs Börsenparkett. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Die Gelehrten streiten darüber, ob die geplante Börsenfusion dem Finanzplatz Frankfurt nützt oder eher schadet. Blick aufs Börsenparkett.
Frankfurt. 

Das Papier des Darmstädter Prof. Dirk Schiereck zur Börsenfusion Frankfurt-London, das wir am Mittwoch exklusiv vorgestellt haben, schlägt hohe Wellen. Wissenschaftler aus Frankfurt und anderen Universitätsstädten reagieren „verärgert“ bis „schockiert“ auf die „dünne Suppe“, die Schiereck im Auftrag der Deutschen Börse angerührt habe. „Die Fakten stimmen nicht“, schimpfte ein Ökonom, der nicht genannt werden möchte.

Schiereck hatte das Ergebnis seiner Bewertung so zusammengefasst: „Die Fusion bietet jede Menge Potenzial für Eigentümer, Kunden und Regulierungsbehörden, um nachhaltig davon zu profitieren. Ohne den Zusammenschluss verlieren alle Akteure am Finanzplatz mittelfristig erheblich an Bedeutung.“ Für den von Börsen-Chef Carsten Kengeter beauftragten Professor aus Darmstadt ist der deutsch-britische Zusammenschluss, der gegenwärtig von der EU-Wettbewerbsbehörde intensiv geprüft wird, ein europäisches Projekt, bei dem die nationale Sicht in den Hintergrund zu treten habe. Sollte der 24-Milliarden-Deal auf der Zielgeraden zu Fall gebracht werden, drohe die Deutsche Börse im internationalen Wettbewerb weiter abzurutschen, so Schiereck. Dabei hat er besonders den hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ins Fadenkreuz genommen, Denn dessen Ministerium ist als Börsenaufsichtsbehörde die ultimative Prüfungsinstanz. Sollte Al-Wazirs Behörde, die mit eigenen Mitarbeitern und einigen externen Fachleuten die Fusionsunterlagen auf Herz und Nieren checkt, zum Ergebnis kommen, dass die Pläne von Börsen-Chef Kengeter für die Frankfurter Wertpapierbörse unvorteilhaft sind, dürfte die Fusion nicht genehmigt werden. Dass es genau so kommen könnte, ist offenbar die Befürchtung im Eschborner Hauptquartier der Börse.

Ein Denkmal bauen

Im Mittelpunkt der Kritik steht Vorstandschef Carsten Kengeter. Der frühere Investmentbanker, der die Führung des Dienstleistungskonzerns 2015 übernommen hat, wolle sich mit der Fusion selbst ein Denkmal bauen, schreibt ein Leser aus der Finanzbranche. Auffällig war zuletzt, dass die Deutsche Börse ihre PR-Aktivitäten deutlich ausgeweitet hat und mit der Verpflichtung des Marketing-Profis Matthias Fritton noch einmal viel Geld in die Hand genommen habe, wie in Frankfurt spekuliert wird.

Prof. Ulrich Burgard Bild-Zoom
Prof. Ulrich Burgard

Der Magdeburger Börsenrechtler Prof. Ulrich Burgard hält dem Gutachter Schiereck vor, mögliche „Nachteile und unerwünschte Nebenwirkungen“ für den Finanzplatz Frankfurt konsequent ausgeblendet zu haben. Burgard arbeitet selbst an einer Untersuchung zur Börsenfusion für die Landtagsfraktion der hessischen Liberalen. Vor allem fehle in Schierecks Studie eine Würdigung des wesentlichen Problems: Die Debatte um den zukünftigen Hauptsitz der gemeinsamen Börsenholding werde gar nicht behandelt, so Burgard. Das entspreche ganz der Marschroute des Auftraggebers, der versuche, den Blick des Publikums von diesem „Pferdefuß“ wegzulenken. Dabei sei es doch gerade dieser „Pferdefuß“, der den Zusammenschluss als „teuflisch“ erweise. „Ich kenne hierzulande niemanden, der die Fusion nicht befürworten würde, wenn der Sitz der Holding in Frankfurt (bzw. Eschborn) wäre“, sagt Burgard.

Reine Spekulation

Einwände kommen auch aus der renommierten Frankfurter Forschungseinrichtung „House of Finance“. Prof. Volker Brühl sieht Schierecks Papier „kritisch“. Er moniert etwa, dass Aussagen im Ungefähren bleiben, ein Beispiel: „Schiereck unterstellt, dass das Primärgeschäft (also Börsengänge und Anleihe-Emissionen) durch die Fusion befördert werden. Dies ist reine Spekulation, denn auch heute schon überlegen Unternehmen vor einem IPO ganz bewusst, ob sie einen Börsengang in Frankfurt, London oder New York durchführen. Auch Mittelständler könnten heute schon Anleihen in London platzieren, denn geeignete Emittenten finden immer Investoren. Daran ändert die Fusion nichts.“

Prof. Volker Brühl Bild-Zoom
Prof. Volker Brühl

Weiterer Kritikpunkt Brühls: „Laut Schiereck verliert der Finanzplatz an Bedeutung. Er bezieht sich dabei auf den Global Financial Center Index, in dem Frankfurt derzeit auf Rang 18 geführt wird. Auch hier lohnt ein zweiter Blick. Das Ranking wird von einem Londoner Think Tank erstellt, der – wie überraschend – London immer an Nr. 1 sieht, noch vor New York. Wie fragwüdig die Methodik ist, zeigt auch, dass nach diesem Ranking Städte wie Luxemburg oder Genf noch vor Frankfurt liegen, dies dürfte selbst einen Laien erstaunen.“

Am Ärmelkanal ist Ende

Burgard hält seinem Kollegen Schiereck vor, er schätze die Folgen einer Fusion für die Finanzmarktaufsicht falsch ein. „Adressat der Aufsicht ist stets die natürliche oder juristische Person, die die Geschäfte betreibt. Und wenn diese Person in London sitzt, dann endet die Aufsicht nach dem Brexit am Ärmelkanal.“ Schiereck hatte argumentiert, dass die EZB als Aufsichtsbehörde durch die Fusion Zugriff auf Geschäfte in London bekomme, die sie sonst nicht hätte.

Viel zu kurz kommt nach Einschätzung eines andere Finanzexperten der Brexit. Es sei unverantwortlich, ohne die Parameter des Brexit zu kennen, eine Börse wegzugeben. Das sei eine Jahrhundertentscheidung, die sehr gut überlegt sein müsse. „Was weg ist, ist weg.“

Gar nicht abgebildet werde in der aktuellen Diskussion hierzulande, dass die Briten selbst fürchten, durch den EU-Austritt könnten Handelsvolumina in Höhe von bis zu 500 Milliarden Euro verloren gehen. Der Chef der London Stock Exchange hatte jüngst die Befürchtung geäußert, dass im Londoner Finanzdistrict 100 000 Arbeitsplätze wegbrechen könnten. Diese und andere mögliche Folgen des Brexit seien aber im Fusionspapier überhaupt nicht berücksichtigt. Doch dadurch ändere sich etwa die Bewertung der beiden fusionswilligen Unternehmen und damit auch die Stimm- und Machtverteilung innerhalb der neuen Dachgesellschaft HoldCo.

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